Theo Waigels Ausbruchversuch aus einer Kaserne im Bonner Norden, dem Sitz des Bundesministeriums der Finanzen, beschäftigt auch die öffentliche Meinung im Ausland. Immerhin geht es um das Schicksal der Regierung Helmut Kohls.

Doch selbst wenn die Machtfrage nicht berührt wäre: Im Zeitalter zunehmender internationaler Verflechtung und acht Monate vor der Entscheidung über den Euro ist es kein rein innerdeutscher Vorgang mehr, wenn der längstgediente europäische Finanzminister sich aus dem Amt verabschieden will. Da geht es auch um die internationale Finanzpolitik.

Kein Wunder, daß der neue französische Finanzminister Dominique Strauss-Kahn seinen Kollegen zum Durchhalten aufforderte. Aufgrund seiner langen Amtszeit ist Waigel für die französische Regierung eine berechenbare Größe, in einem so engen Verhältnis wie dem zwischen Bonn und Paris ist das viel wert.

In der französischen Öffentlichkeit spielen andere Dinge eine Rolle: Da gilt Waigel nur als "le Dreikommanull". Regelmäßig erscheint das Gesicht des Finanzministers auf den Fernsehbildschirmen und wiederholt mit grimmigem Blick: "Drei heißt drei Komma null und nicht drei plus x." So viel Entschiedenheit hat Waigel nicht nur beim Durchschnittsfranzosen, sondern auch bei vielen Journalisten das Image des "treuesten Hüters des deutschen Haushaltsrigorismus" eingetragen, wie die Tageszeitung Libération schreibt.

Dabei betonten durchaus auch Pariser Kommentatoren schon früh und nicht ohne Häme, daß ein Politiker, der im eigenen Land als "der größte Schuldenmacher der deutschen Geschichte" gelte und der das Maastrichter Defizitkriterium mit Hilfe des Bundesbank-Goldes erreichen wollte, anderen Ländern wohl kaum finanzpolitische Lektionen erteilen könne. Genüßlich wurde in vielen WaigelPortraits auch immer wieder beschrieben, daß der bayerische Schwabe nicht allzugerne Akten liest.

Niemand verübelt Waigel dagegen, daß er ein launiger Typ ist, der offen sagt, was er denkt, und mit seinen Scherzen die steife Stimmung bei Verhandlungen auflockert. "Sehr untypisch für einen deutschen Finanzminister", urteilen diejenigen seiner französischen Gesprächspartner erleichtert, die sich noch an die kalte Korrektheit seines Vorgängers Gerhard Stoltenberg erinnern.

Das trifft sich mit dem italienischen Urteil. Der Corriere della Sera stellt Waigel als Politiker dar, der zur Selbstironie fähig ist, wie ein Witz zeige, den er vor Journalisten zum besten gegeben habe: "Was ist Trinkgeld? Das einzige waigelfreie Einkommen in Deutschland." Die Anekdote, falls sie denn authentisch ist, zeigt auch, daß Waigel wirklich ein distanziertes Verhältnis zu seinem Ressort hat: Seit über einem Jahr sind nämlich - Theo gratias - selbst Trinkgelder steuerpflichtig, was den CSU-Chef zum bestgehaßten Mann unter den deutschen Kellnern gemacht hat.