Im Festsaal der Universität Kopenhagen steht die Luft. An den hohen Wänden des Auditoriums wird in düsterem Öl dänische Geschichte zelebriert.

Hier wirkt alles schwer, groß, getragen, und heute ist das auch angemessen, denn das gewichtige Thema des Tages lautet "Hjernen og selvet", "Hirn und Selbst". Diese Veranstaltung ist nicht die erste ihrer Art der amerikanische Kongreß hatte die neunziger Jahre zur "Dekade des Gehirns" erklärt. In Dänemark ist alles etwas kleiner: 1997 ist das "Hjerne ret", das "Jahr des Gehirns", und die dreitägige Konferenz wirkt eher unspektakulär - bis jetzt.

Denn nun wird ein Redner erwartet, dessen Vortrag zum Spektakulum werden dürfte. Ein Ketzer erhält das Wort.

Colin McGinn steigt auf die Kanzel. Gerade noch wirkte der amerikanische Philosoph mit seinen kurzgeschorenen blonden Haaren lässig, ein bißchen frech sogar. Nun, von vergoldetem Eichenholz und schwerem Brokat umgeben, tritt er auf wie ein altertümlicher Prediger. "Wir werden Bewußtsein nicht erklären können", verkündet McGinn. Das klingt wie: "Tut Buße für eure Vermessenheit."

Es wird unruhig im Publikum. Der Philosoph redet - nein, er liest - in atemberaubendem Tempo. Die Wissenschaft könne zwar noch viel über das Gehirn herausfinden, aber das grundsätzliche Problem der Beziehung zwischen Leib und Seele, zwischen physischer und psychischer Welt sei auf diese Weise nicht zu lösen.

"Thomas Huxley, der britische Zoologe, hat Ende des 19. Jahrhunderts ein wunderschönes Bild für das Dilemma des Geistes gefunden: ,Daß etwas so Bemerkenswertes wie das Bewußtsein als ein Produkt gereizter Nervenzellen entstehen kann, ist sowenig zu erwarten wie das Erscheinen des Geistes aus Aladins Wunderlampe.' Dieses Bild trifft genau unser Problem im Umgang mit dem Bewußtsein." Was, fragt McGinn, unterscheidet das Gewebe im Gehirn von dem einer Niere? Oder, noch rätselhafter: Was erklärt den Unterschied zwischen bewußten und unbewußten Zuständen des Gehirns?

Der Philosoph vom Rutgers Center for Cognitive Science im amerikanischen Bundesstaat New Jersey gilt in seiner Zunft als der große Zweifler. "Machen wir ein Gedankenexperiment", schlägt McGinn vor. "Nehmen wir an, das Gehirn sei nicht die Basis des Bewußtseins. Es agiere vielmehr als eine Art Schaltstelle zwischen der eigentlichen Basis und dem Verhalten. Die Basis selbst befinde sich irgendwo anders - tief unter der Erde oder über den Wolken. Die Signale von der Basis werden im Gehirn verarbeitet und kontrollieren die Bewegungen." Dann setzt McGinn ein spitzbübisches Grinsen auf. "Fragen Sie mich bitte nicht, wie sich so etwas im Laufe der Evolution entwickelt haben soll."