Möglich, daß sich der eine oder andere Kollege bei der Nachricht wundert, daß Sybille Ebert-Schifferer vom Freistaat Sachsen als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden berufen wurde. Sehr wahrscheinlich, daß der Beifall international einhellig ist. Denn in den großen Sammlungen zwischen Paris und St. Petersburg kennt man einander manchmal besser als in der deutschen Museumslandschaft. Und schätzt das wirklich grenzüberschreitende Engagement, das Talent zur Kooperation, die ebenso exakten wie lebendigen Publikationen von Sybille Ebert-Schifferer: Lauter Qualitätsbeweise, die der Dresdner Auswahlkommission offensichtlich aufgefallen waren, als sie die 42jährige als Nachfolgerin von Werner Schmidt ernannte. Die Entscheidung für die heutige Direktorin des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt ist schon deshalb bemerkenswert, weil man sich für die Besetzung des hochangesehenen Dresdner Postens sehr wohl auch andere, weniger sachbezogene kulturpolitische Lösungen hätte vorstellen können.

Es spricht für die Kommission, daß sie weder auf einen Star der internationalen Szene verfiel noch einen Sachsen mit Heimvorteil wählte. Daß das Gremium mit Sybille Ebert-Schifferer eine ausgewiesene, in Museumsverwaltung, Ausstellungswesen und universitärer Lehre anerkannte Wissenschaftlerin aus einer Konkurrenz von mindestens einem halben Dutzend Kandidaten wählte, ist dennoch überraschend. Die großen Museen der Welt - zu denen die Dresdner Sammlungen ja zählen - haben traditionell mehr oder minder ältere Herren an ihrer Spitze.

Ein auch für Kunsthistorikerinnen ermutigender Sieg also? Es scheint so, wenn man Reaktionen jüngerer Kolleginnen hört. Triumph einer Frau in der Männerdomäne der obersten Ränge? "Ich finde das normal. Auf das Thema Frau bin ich übrigens in meinen Gesprächen in Dresden mit niemandem gekommen", kommentiert die künftige "Generalin" sachlich, nicht ohne sich zu amüsieren, daß eine große deutsche Tageszeitung daraus eine "Generälin" gemacht hatte.

"Klingt eher wie Rättin, nicht?"

Sie sei die erste Frau in leitender Position in einem deutschen Landesmuseum gewesen, war zu lesen, und dann der Zusatz: "Es hat sich überhaupt einiges für Frauen verändert in den Museen." Für solche Abschweifungen, schon gar, wenn sie feministisch klingen, hat Sybille Ebert-Schifferer aber nichts übrig. Sie sind auch fehl am Platz, wenn jemand so selbstbewußt und selbstverständlich mit der eigenen Person und ihren Möglichkeiten umzugehen weiß wie sie. Der Begriff Karriere kommt in ihrem Sprachschatz nicht vor. Für ihren Dresdner Karrieresprung reicht der Hinweis, es hätte da mal "eine Ausschreibung in der ZEIT gegeben. Gelesen hatte ich sie nicht. Man hat dann eine Anzahl von Leuten aufgefordert, darunter auch mich."

Sie war die erste und einzige Kunsthistorikerin in den Anfängen des Frankfurter Ausstellungshauses Schirn. Dort organisierte sie zusammen mit Christoph Vitali, dem damaligen Direktor - manchmal auch in dessen Schatten - vielgerühmte Ausstellungen: "1986 hatte die Schirn gerade aufgemacht. Da habe ich Vitali gefragt, ob er nicht dächte, daß das Haus einen Kunsthistoriker brauchte." Vitali dachte, und die Anfängerin ergriff im Jahr nach ihrer Promotion die Chance, auf internationalem Terrain tätig zu werden - zwischen Konzeption und Präsentation, Katalogedition und Besucherbetreuung.

Von 1991 an war sie in Darmstadt eine im Großen wie im Kleinen einsatzfreudige Museumsdirektorin: "Bei Abendveranstaltungen habe ich auch mal die Kasse wieder aufgemacht und Kataloge verkauft, wenn die Leute das wollten."