Der Wecker klingelt. Es ist fünf Uhr früh. Um sechs Uhr werden wir erwartet. An einem Ort, an dem die Temperaturen mittags auf 40 Grad im Schatten klettern. Doch dort, wo wir hinwollen, gibt es keinen Schatten: Unser Ziel ist Hisarlik, ein 150 mal 200 Meter großer Ruinenhügel in Nordwestanatolien. Hier sollen die Reste des vielbesungenen Troia liegen.

Der Großkaufmann Heinrich Schliemann, der Ende des vergangenen Jahrhunderts an dieser Stelle gegraben hat, war davon überzeugt. Und Manfred Korfmann, Tübinger Professor für Prähistorik, der seit zehn Jahren an diesem Ort gräbt, ist sicher, daß Homer hier die Kulisse für sein Heldenepos gefunden hat.

"Troia ist da, wo es ist", sagt der 55jährige mit den weißen Haaren und der sonnengebräunten Haut. Nun sieht es so aus, als hätte er geschafft, was man als Krönung seines Lebenswerks bezeichnen könnte: Troia soll Weltkulturerbe werden - ein Antrag an die Unesco ist gestellt, die Chancen sind gut. Bereits im vergangenen Herbst erklärte die türkische Regierung das Gebiet um Troia zum Nationalpark. Das 150 Quadratkilometer große Areal genießt seither besonderen Schutz, zumindest theoretisch.

"Jedes Jahr, wenn wir hierherkommen, fahren wir erst mal herum und schauen, was sich verändert hat", sagt Angela Nübel, seit fünf Jahren Korfmanns rechte Hand. Und stets finden die beiden, was sie im Nationalpark eigentlich nicht finden sollten: neue oder verbreiterte Straßen, neue Häuser. Diesmal ist es eine ganze Siedlung. Mindestens zehn Häuser, manche noch im Rohbau, andere bereits verputzt, türkis und weiß gestrichen, stehen an einem Hang in einer malerischen Bucht. Korfmann schüttelt den Kopf über die neue, illegale Bebauung. Häuser bedeuten Menschen, und Menschen bedeuten Straßen, weitere Menschen werden folgen. "Wir haben die weltweite Bedeutung von Troia begriffen", sagt einen Tag später der Gouverneur der Provinz Canakkale.

"Demnächst werden wir entsprechend handeln", verspricht Ekrem Özsoy, den man bei uns als Regierungspräsidenten bezeichnen würde. "Demnächst" soll es endlich ein Konzept für den Nationalpark geben, auch ein Budget und damit die Möglichkeit, Kontrolleure zu bezahlen. Bereits Ende nächsten Jahres soll ein Museum errichtet sein, das die Schätze Troias aufnehmen soll.

"Der Kultusminister und ich sind uns einig, daß die Troia-Schätze aus Istanbul in dieses Museum kommen sollen", informiert Korfmann den überraschten Gouverneur. Doch der ärgert sich keineswegs über die Bevormundung, sondern freut sich darüber, daß der Deutsche ihm auch künftig bei dem Riesenprojekt Troia die Planung abnimmt. Der kann das sowieso besser, und außerdem weiß er genau, was er will. Mit jemand wie Korfmann legt sich ein kleiner Gouverneur besser nicht an.

"Korfmann ist in der Türkei so bekannt wie Troia", sagt ein Türkischlehrer in einem Dorf, in dem wir Tee trinken. Wir sitzen kaum, als ein alter Mann auf Holzkrücken angehumpelt kommt. Mit Tränen in den Augen fallen sich der Alte und Korfmann um den Hals. Die beiden kennen sich seit siebzehn Jahren, seit der Türke bei Korfmanns erster Ausgrabung mitgearbeitet hat. Der Professor erzählt von damals, auf türkisch, und die Dorfbewohner sitzen und nicken mit dem Kopf und beklatschen die Rede. Wer solche Szenen erlebt, versteht, warum es dem Deutschen gelang, eine Ausgrabungslizenz für Troia zu bekommen, fünfzig Jahre nachdem der letzte Archäologe, der Amerikaner Carl Blegen (Ausgrabung von 1932 bis 1938), seine Arbeit beendet hatte. "Damals war alles von Erde bedeckt und mit Gras bewachsen", erinnert sich Korfmann. Alle hätten gesagt, es sei verrückt, hier noch mal zu graben. Heinrich Schliemann (Ausgrabung von 1871 bis 1890) habe alles gehoben, was rauszuholen war.