Was waren die Motive des Bundesfinanzministers Theo Waigel, eine Umbesetzung des Kabinetts ein Jahr vor den Wahlen zu verlangen?

Anlaß war das bevorstehende Ausscheiden des Postministers Bötsch von der CSU zu Ende dieses Jahres - sein Ministerium wird aufgelöst. Das ist für die CSU ein Verlust im Proporzanteil innerhalb der Regierung. Wenn dieser jedoch nur für ein Jahr gelten würde, hätte es noch eine einfachere Lösung gegeben, nämlich Bötsch oder einen anderen CSU-Abgeordneten einfach zum Minister ohne Geschäftsbereich zu bestellen. Das hätte die CSU zwar nicht ganz zufriedengestellt, ein Minister mit Amt ist mehr wert als einer ohne Amt.

Aber angesichts der begrenzten Zeit hätte die CSU es hinnehmen können, denn es wäre doch mehr gewesen als nur ein weiterer parlamentarischer Staatssekretär.

Würde die CSU aber neue, brauchbare Minister, sei es auch nur für die Dauer eines Jahres, überhaupt finden? Diese hätten kaum Zeit zur Einarbeitung, weil sie in den Wahlkampf ziehen müssen. Hier wären sie mehr oder minder unbekannt und würden kaum eine bessere Figur machen als die bisherigen trotz ihrer Mängel. Oder war die pompös angekündigte "Kabinettsumbesetzung" gar nicht ernst gemeint, sondern nur eine Verpackung für die Nominierung eines Bötsch-Ersatzes?

Man sollte Minister nicht für weniger fähig halten, als man selber ist. Aber für Waigels Alarm wäre nicht die Öffentlichkeit die passende Adresse gewesen, sondern allein der Bundeskanzler. Er wird diesen vorher wohl gesprochen haben. Aber Kohls angebliche Antwort, man werde eine Lösung finden, war unverbindlich, ein tröstendes Abwimmeln.

Theo Waigel mag das gespürt haben. Daher die öffentliche Attacke, um Druck auf den Kanzler auszuüben. Daß so etwas einem erfahrenen Politiker - seit über acht Jahren Finanzminister, zudem Parteivorsitzender - passieren kann, vermag ich mir nicht vorzustellen. Aber vielleicht liegt es daran, daß es mir an Vorstellungskraft für ein so sonderbares Verhalten fehlt.