Schon vor der Samtportiere in der Villa Hügel grüßt uns eine mannshohe Pappfigur, ein typisch Bruegelscher Bauer, weich und rund. Schabernack im Knollengesicht, verbreitet er Kirmeslaune. Drinnen machen dann erst mal die früheren Hausbesitzer, meterhoch gerahmte Mitglieder der Familie Krupp, von Bohlen und Halbach, die Honneurs, bevor sie ihre Gäste auf den Weg zum ausgestellten Kunstschatz ins trutzig-protzig hölzerne Treppenhaus weisen.

Gekommen sind Scharen von Menschen, gleich am ersten Sonntag nach der Eröffnung. Bruegel funktioniert wie ein Lockruf, spitzt die Erwartungen auf Dorflandschaften, Eispartien, Vogelfänger, Lebkuchenhausbuntes. Fast jeder hat da so seine Vorstellungen. In der Essener Villa Hügel startet nun ein Unternehmen, mit dem das große Schlüsselwort Bruegel (der Vater ohne h, die Söhne mit) in seine Segmente unterteilt werden soll. Damit wir in Zukunft genauer hinschauen, nicht nur den pinselnden Fleiß berechnen, nicht nur die vielen Figuren, Äffchen, Böckchen und auch noch kleinsten Schnecken zählen.

Die Bruegels waren eine Dynastie, ähnlich wie die Gußeisenhersteller Krupp, begründet von dem großen Pieter Bruegel d. Ä. (1520/25-1569), weitergeführt von seinen Söhnen Pieter d. J. und Jan d. Ä. und wiederum deren Söhnen. Die Ausstellungsorganisatoren der Villa Hügel zeigen ihren Besuchern nur Bilder der beiden Bruegel-Söhne Jan und Pieter. Ihre These: Erst diese beiden Erben haben das Werk des Vaters zur Legende gemacht. Zwar waren die Bilder Pieter d. Ä. schon zu dessen Lebzeiten berühmt, doch eher vom Hörensagen. Denn kaum fertiggestellt, verschwanden sie in den Sammlungen weniger vermögender Kunstkenner wie der des Bankiers Niclaes Jonghelinck oder des Kardinals Antoine Perrnet von Granvella, letzterer war bis 1564 Statthalter der Niederlande.

Jan Brueghel d. Ä. (1568-1625), der Samt-, Velour- oder Blumenbruegel, führte das Vermächtnis des Vaters eigenständig fort. Er bediente sich, was selbstverständlich war für die damalige Zeit, bei dessen Motiven, war ein hochgerühmter Virtuose. Ein Lieblingsheld der Kunsthistoriker, die in seinen Landschaften Zentimeter für Zentimeter nachmessen können, wie er die mystische Weltlandschaft des 16. Jahrhunderts erst zur Raumgassenlandschaft, schließlich zur Flachlandschaft des 17. Jahrhunderts entwickelte. Ein Lehrbuchkünstler, der die Leidenschaft des alten Krupp für idyllische Baumdschungel teilte (an die hundert erwachsene Eichen, Eschen und Buchen ließ Alfred Krupp mit französischen Spezialwagen aus der Umgebung herbeischaffen), ein Kostbarkeitenlieferant, der regelmäßig aufgefordert wurde, Staatspräsente für Gäste der Stadt Antwerpen zu pinseln. Und ein findiger Kopf, der seine Kunstfertigkeit marktbewußt einsetzte.

Es war Jan Brueghel d. Ä., der den Markt für dekorative Blumenstücke erkannte, die wachsende Leidenschaft für Gärten und botanische Raritätensammlungen nutzte und das Spezialgenre des Blumenstillebens in der holländischen Malerei etablierte. Mehr noch: In Teamarbeit mit dem Historienmaler Hendrick van Balen erfand er die erfolgreichsten Bildtypen seiner Zeit. Die Göttermahlzeiten, Nymphenbilder und Madonnen im Blumenkranz, für die Jan Brueghel die Landschaften, Blumen, Früchte, Tiere und kostbaren Gefäße lieferte und Hendrick van Balen die Figuren, sind gemalte Delikatessen: kaum zu unterscheiden, was knackiger ist, die Melonen und Pfirsiche oder die fülligen, perlmuttweißen Akte der Halbgöttinnen.

Der ältere Sohn, Pieter Breughel d. J. (1564-1637/38), wurde zum treuesten Sachwalter des Vaters. Handwerklich hoch begabt, verwandelte er Kupferstiche, Kopien, Zeichnungen seiner Werke in neue bunte Bilder. Ein Geschäft, das sich zur Gemäldemanufaktur entwickelte: 12 "Volkszählungen zu Bethlehem", 8 "Werke der Barmherzigkeit", 5 "Nesträuber", 17 "Kornernten", 17 "Wintervergnügen auf Eis" und 123 (laut Katalog 43 gesicherte, 52 fragliche, 28 nicht eigenhändige) "Vogelfallen" stehen zwischen vielem anderen auf der Inventarliste des emsig Schaffenden. Zahlen, die vor allem berichten, welche Bruegel-Motive populär waren.

Dabei war Pieter d. J. kein sturer Abmaler. Er interpretierte die Motive seines Vaters. Ordnete Figurengruppen, änderte Kostüme und Hintergründe, strich in den Motiven des großen Alten mitunter das Dörflich-Gemütliche heraus, würzte sie hier und dort mit kleinen burlesken Szenen. Alles in allem ließ er sich von den Erwartungen der Käufer lenken. Was den Vater und die Söhne aber wirklich trennte und vereinte, wird die Fortsetzung der Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien (9. Dezember bis 14. April 1998) zeigen. Dort warten die Gemälde vom großen Pieter Bruegel, die Reiseverbot haben, auf die reisenden Erzeugnisse seiner Söhne. Im Mai 1998 werden diese ihre Tour nach Antwerpen fortsetzen. (Villa Hügel bis zum 16.