Öffentliche Ausschreibungen haben in der Elfenbeinküste ihre eigenen Gesetze. Das mußte der ivorische Geschäftsmann Hamed Bassam zum vergangenen Jahreswechsel schmerzlich erfahren. Sein Konsortium Afrika-Bell wollte 51 Prozent der staatlichen Telephongesellschaft CI-Telcom kaufen und hatte zunächst 106,6 Milliarden Franc CFA (320 Millionen Mark) geboten. Das war deutlich mehr, als der schärfste Konkurrent zu zahlen bereit war. Aber dieser Konkurrent war nicht irgendeiner. Er hieß France Câbles et Radio, eine Tochter von France Télécom.

Kurz vor der zweiten und entscheidenden Ausschreibungsrunde kalkulierte Bassam neu, 111 Milliarden Franc CFA wollte er nun bieten. Aber dazu kam es nicht mehr. Die Pariser Banque Rothschild, die Betreuerin der Ausschreibung, änderte kurzfristig die seit Monaten gültigen Teilnahmebedingungen. Der potentielle Partner von Afrika-Bell, der amerikanische Telekom-Weltmarktführer AT&T, müsse sich bis Ende des Jahres am Kapital des Konsortiums beteiligen, forderte Rothschild. Die bisher aus den USA zugesagten technischen und finanziellen Hilfen reichten nicht aus.

Der Zeitpunkt der Ausschreibungsänderung war klug gewählt. Über Weihnachten konnten zwar führende Manager von AT&T ihre Zusagen schriftlich erneuern.

Aber für eine Aufsichtsratssitzung, die eine Beteiligung an Afrika-Bell hätte absegnen können, reichte die Zeit nicht mehr. Folgerichtig wurde Afrika-Bell Anfang Januar von der Privatisierungskommission disqualifiziert. Der Weg war frei für France Télécom. Für 105 Milliarden Franc CFA kamen die Franzosen zum Zuge.

Überrascht hat das Hamed Bassam kaum. Denn in der Elfenbeinküste gilt - so Daniel Anikpo, Generalsekretär der Oppositionspartei Parti Africain pour la Renaissance Ivorienne (PARI) - ein altes Gesetz: "Frankreich denkt und lenkt an unserer Stelle." Französische Investoren sind inzwischen in nahezu allen strategischen Wirtschaftsbereichen der Elfenbeinküste dominierend. Vor der Telephongesellschaft kauften sie sich schon bei der Wasser- und Stromversorgung ein. Die Politik bei der ivorischen Eisenbahn wird ebenso von französischen Interessen geleitet wie bei der Flughafengesellschaft. Und auch in der Agroindustrie erwarben französische Patrons Mehrheitsanteile. Nur wenige der inzwischen 38 privatisierten Staatsunternehmen kommen ganz ohne französische Kapitalbeteiligung aus, mehr als drei Viertel der bisher umgerechnet 600 Millionen Mark Privatisierungseinnahmen des ivorischen Staates hingegen stammen aus französischen Schatullen. "Die zweite Kolonialisierung der Elfenbeinküste ist im Gange", meint PARI-Generalsekretär Daniel Anikpo: "Diesmal dürfen wir uns die Kolonisatoren zwar auswählen, aber wir haben uns für die alten entschieden."

Ganz verschwunden war der französische Einfluß auch nach der Unabhängigkeit im Jahre 1960 nie. Republikgründer Felix Houphouât-Boigny machte die planwirtschaftlichen Experimente seiner afrikanischen Nachbarn nur teilweise mit. Zwar blähte auch er den Staatsapparat mit zahlreichen Behörden auf, in denen seine Getreuen ihr Auskommen fanden. Aber französische Berater waren in allen Ministerien und Behörden vertreten, französisches Kapital blieb immer hoch willkommen. Die Zusammenarbeit funktionierte zur beiderseitigen Zufriedenheit. Die Elfenbeinküste galt über Jahre als afrikanisches Musterland. Frankreich verdiente gut daran und tolerierte deshalb Houphouâts Extravaganzen wie den Bau der größten Kathedrale der Welt in seinem Heimatdorf, der heutigen Hauptstadt Yamoussoukro.

Selbst als die Kaffee- und Kakaopreise fielen und Houphouât 1987 den Schuldendienst einstellen mußte, hielt ihn die Pariser Regierung mit Finanzspritzen über Wasser. Erst zu Beginn der neunziger Jahre wollte auch Frankreich nicht mehr helfen. Auf Druck der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds legte die Elfenbeinküste ein hartes Anpassungsprogramm auf.