Cocktail-Rudi hat längst wieder einen guten Posten. Männer wie er sind heiß begehrt im Milieu der Frankfurter Großfinanz. Da vergibt man schnell ein paar Jugendsünden. Die kleinen Orgien im Saunaclub etwa. Oder das Mißgeschick, beim Frontrunning ertappt worden zu sein.

Richtig verboten war Frontrunning damals, Anfang der Neunziger, ja noch nicht. Und die Chance, nahzu ohne Risiko Kursgewinne zu kassieren, hat viele schwach gemacht. Sogar den einst so angesehenen Kursmakler Heinz Schwake. Er war an der Frankfurter Börse für die Festsetzung der Kurse wichtiger deutscher Aktien zuständig. Da er die Kurse praktisch selbst machte, wußte er natürlich, welche Papiere steigen. Deshalb kaufte er sie noch zum niedrigeren Preis - auf den Namen seiner Tochter -, um sie kurz darauf mit Gewinn wieder an arglose Anleger zu verkaufen.

Cocktail-Rudi hatte es da schon schwerer. Er mußte selbst dafür sorgen, daß die Kurse jener Wertpapiere hochgingen, die er sich gekauft hatte. Das versuchte er damit, daß er den Zuschauern des Mittagsfernsehens dringend empfahl, unbedingt genau diese Werte zu kaufen. Ob das Publikum seinem Rat folgte und welche Gewinne er auf diese Weise gemacht hat, ist im dunkeln geblieben. Fest steht nur, daß er seine Bank wechseln mußte, als die Sache platzte.

Anfällig für Frontrunning sind vor allem Banker und Börsianer, die einen Überblick über die Kauf- und Verkaufsaufträge ihrer Kundschaft haben. Sie wissen, wohin die Kurse gehen, und können risikolos disponieren. Aber auch andere Insider versuchen immer wieder, ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Wissensvorsprung an der Börse umzumünzen - von Vorstandsmitgliedern über Manager bis hin zu Sekretärinnen und Chauffeuren.

Sogar manche Journalisten wollen ihr kärgliches Honorar mit Frontrunning aufbessern. Das ist heutzutage zwar verboten so wie alle Insidergeschäfte an der Börse, aber die Versuchung ist groß. Kollege R. Foster Winans, Autor der weltweit geschätzten Börsenkolumne Heard "Heard on the Street" im Wall Street Journal, hat damit in vier Monaten 1,5 Millionen Mark gemacht. Einfach, indem er die Aktien, die er aller Welt empfahl, vor Erscheinen der Zeitung selbst kaufte. Aber auch er flog auf.

Trotzdem versuchen skrupellose Schreiberlinge weiterhin, ihre Leser zum Kauf von Aktien zu überreden, die sie selbst besitzen. Apropos: Wer noch in diesem Jahr einen hübschen Kursgewinn kassieren möchte, sollte sich unbedingt Aktien der G...AG zulegen!