Nicht nur der heiße Sommer bringt Andreas Knochenhauer in diesen Tagen ins Schwitzen: Knochenhauer, beim Berliner Bundeskartellamt für die Tourismusbranche zuständig, muß sich mit der umfassendsten Konzentrationswelle und dem größten Beteiligungskarussell beschäftigen, die den deutschen Pauschalreisemarkt jemals erfaßten.

Mit der bei den Kartellwächtern angemeldeten Fusion der Karstadt-Tochter NUR Touristic (Neckermann) mit dem Lufthansa-Charterflieger Condor zur Holding C&N Touristic entstünde über Nacht Deutschlands größter Reisekonzern - Umsatz : mehr als 6,8 Milliarden Mark.

Der Zusammenschluß ist die Antwort auf die kurz vor dem Abschluß stehenden Bemühungen des WestLB-Chefs Friedel Neuber, über einen Kauf des Hamburger Transport- und Tourismuskonzerns Hapag Lloyd durch die Preussag (Großaktionär: WestLB) die Mehrheit an der TUI zu erringen. Am bisherigen Branchenprimus (Umsatz TUI Deutschland: 5,5 Milliarden Mark) halten Hapag Lloyd und Neubers Bank je dreißig Prozent.

Dürften sich die beiden Lager wie geplant formieren, kontrollierten sie zwei Drittel des organisierten Reisegeschäfts auf allen Ebenen: bei den Veranstaltern, den Fluggesellschaften und den Reisebüros. Zum sogenannten "gelben Lager" gehören neben den NUR-Veranstaltern Neckermann, Club Aldiana und Bucher Reisen die Condor-Anbieter Fischer Reisen, Kreutzer, Air Marin und zehn Prozent am Türkei-Spezialisten Öger Tours sowie Deutschlands größte Ferienfluggesellschaft Condor und nicht zuletzt 800 eigene Reisebüros.

Neuber brächte in sein "rotes Lager" neben der TUI-Mehrheit einen beherrschenden Einfluß auf Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft LTU ein sowie deren fünf Veranstalter und Beteiligungen bei den Reisebüroketten Cook und First. Hinzu käme von Hapag Lloyd deren Charterfluggesellschaft, Reiseveranstalter, der Luxusliner MS Europa und die Agenturkette.

Lufthansa und Karstadt mußten reagieren, weil sie angesichts einer "roten Übermacht" um die Zukunft ihrer Tourismusunternehmen fürchteten. Seit dem Einstieg der WestLB bei der TUI vor einigen Jahren wurden die Condor-Flüge beim einstmals größten Kunden nach und nach durch LTU ersetzt, NUR fliegt bislang vier von zehn Urlaubsgäste mit Hapag-Lloyd-Maschinen. Künftig werden die Neckermann-Touristen vor allem in Condor-Jets steigen, die Lufthansa-Tochter findet damit Ersatz für die bei der TUI verlorengegangenen Umsätze.

Das Kartellamt muß nun die Höhe der Konzentration feststellen. Das ist keine leichte Aufgabe für Andreas Knochenhauer, denn die großen Blöcke sind auch noch untereinander verbandelt. Der Condor-Mutter Lufthansa gehört ein Drittel am Deutschen Reisebüro (DER) mit dem viertgrößten Veranstalter DER Tour und dessen Reisebürokette. Die Deutsche Bahn AG wiederum, die den Rest am DER besitzt, ist zudem mit zwanzig Prozent an der TUI beteiligt.