Prägen wir uns den Anblick ein, meine Damen. Denn, glauben Sie der Vorahnung eines alten Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die Abschiedsrevue der friderizianischen Armee." Diese Worte, mit denen in Theodor Fontanes Roman "Schach von Wuthenow" vor der Jahrhundertwende der alte Herr von Recke eine Parade auf dem Tempelhofer Feld kommentierte, waren ihrer Zeit weit voraus. Denn erst mit dem Ersten Weltkrieg ging in Deutschland, keineswegs aber in Frankreich die Praxis farbenprächtiger Paraden zurück. Erst das Feldgrau verdrängte Federbüsche und Truppenfahnen, geschmückte Pferde und schwungvolle Marschmusik, die zuvor bei den Paraden der Garderegimenter in Berlin, bei den alljährlich an verschiedenen Orten stattfindenden Kaiserparaden die Selbstdarstellung der Armee geprägt hatten.

Die Popularität dieser Spektakel wird häufig von Zeitgenossen erwähnt, und noch in seinem Exil trauerte Wilhelm II. jener einmaligen Gelegenheit nach, die erreichte "Manneszucht" zu demonstrieren.

Als "regelmäßig wiederkehrende Momente des sozialen Lebens" vergleicht Jakob Vogel den Armeekult in Deutschland und Frankreich. Er stellt den Kaiserparaden jene in Paris gegenüber, die seit 1880 von der Republik zur Feier des Bastillesturmes am 14. Juli organisiert wurden. Damit rücken nationale Unterschiede und Strukturmerkmale in den Vordergrund: das "Königsheer" hier, das "Parlamentsheer" dort, ein monarchisch-nationaler Kult mit anfangs streng eingeschränkter Öffentlichkeit in Deutschland, indes eine republikanische, an ein breites Publikum gerichtete Erlebnis- und Erinnerungskultur in Frankreich. Dort der starke Rekurs auf 1870/71, hier die Rechtfertigung der Armee aus dem Erbe der großen Revolution, zunehmend auch aus der Gegenwart. Die militärischen Feste waren in Deutschland weitgehend, wenn auch nicht vollständig, dem politischen Tageskampf enthoben. In Frankreich jedoch wurde die inszenierte Einmütigkeit immer wieder durch öffentliche Proteste gestört.

Manche dieser Unterschiede waren schon bekannt, werden hier aber eindrucksvoll belegt, andere Befunde sind indes neu. So kann Vogel überzeugend demonstrieren, daß die deutsch-französische Feindschaft für den Armeekult eine nachgeordnete Bedeutung besaß und daß selbst der Krieg 1870/71 in Deutschland im Laufe der Jahre weniger als Sieg über Frankreich denn als Sinnbild nationaler Einheit beschworen wurde. Die in Kriegszeiten benutzten und entwickelten Freund-Feind-Beziehungen prägten nicht in gleichem Maße und langfristig Befindlichkeiten im Frieden.

Nicht nur strukturelle Unterschiede, sondern vor allem Gemeinsamkeiten traten im Armeekult zutage. Da nach Vogels These nur ein begrenztes Repertoire an Mitteln militärischer Selbstdarstellung dies- wie jenseits des Rheins zur Verfügung stand, ähnelten sich Auf- und Vorbeimarsch der Truppen, Fahnenweihen und Abschreiten der Fronten weithin. Eine gewisse Militärfolklore, der Formen populärer Geselligkeit außerhalb des Paradefeldes entsprachen, ebenso wie eine rituelle Beschwörung national-militärischer Einheit und Wehrhaftigkeit waren beiden Gesellschaften gemeinsam. Außerdem näherte sich der Rekurs auf 1870/71 in dem Maße an, in dem die Generation, die den Krieg noch erlebt hatte, nach 1900 verstarb. Selbst die französischen Veteranenverbände, die später als die deutschen entstanden und politisch weniger einflußreich waren, nahmen zunehmend stärker an der staatlichen Erinnerungspolitik teil.

Die besondere Stärke dieser Arbeit liegt eher in der Analyse der öffentlichen Inszenierung des Militärischen als in dem Nachweis seiner Breitenwirkung.

Denn zu dieser trugen zwar auch die periodisch stattfindenden farbenprächtigen Paraden bei, mehr aber noch die Erfahrungen während des Militärdienstes.