Wir leben zwar im Computerzeitalter, aber noch immer nach dem Grundgesetz der Steinzeit: Wer den größeren Knüppel schwingt, hat auch recht. Bloß wahrhaben wollen wir es nicht. Wir merken es nicht und vermuten es nicht einmal. Ach, unsere Moral, sie wird sich schon zusammen mit unserer Zivilisation weiterentwickeln. Und die Berufspolitiker erweisen sich als besonders geschickt darin, auch noch dem Laster einen zivilisierten Anstrich zu geben.

Das 20. Jahrhundert hat uns mit immer neuen Erfindungen aus dem Bereich der Heuchelei verwöhnt. Und wir verfallen auf immer noch genialere Möglichkeiten, unsere Doppel(Tripel-?, Quadrupel-?)moral anzuwenden.

Vor unseren Augen wurde die blutige jugoslawische Tragödie gegeben (ist das Schauspiel überhaupt schon zu Ende?). Die Verantwortung dafür liegt natürlich bei der kommunistischen Clique um Josip Broz Tito, die dem Land ein willkürliches Muster innerer Grenzen aufzwang, die jeder ethnischen Vernunft hohnsprachen. Mitschuldig ist aber auch die ehrenwerte Gemeinschaft westlicher Staatsmänner, die mit geradezu engelsgleicher Naivität diese falschen Grenzen ernst nahmen und sich beeilten, die Unabhängigkeit verschiedener Teilrepubliken, deren politische Etablierung man offenbar für nützlich hielt, anzuerkennen, manchmal binnen ein, zwei Tagen. Es waren dieselben Staatsmänner, die Jugoslawien anschließend in einen viele zermürbende Jahre währenden Bürgerkrieg drängelten. Sich selber erklärten sie für neutral, aber nichts lag ihnen ferner.

Mit seinen sieben einander entfremdeten Völkern mußte Jugoslawien so schnell wie möglich aufgelöst werden. Andererseits sollte Bosnien (ein Herzensanliegen der amerikanischen Regierung) mit seinen immerhin drei einander entfremdeten Völkern um jeden Preis zusammenbleiben - Bosnien, wo die Erinnerung an die mit Hitler verbündeten Kroaten noch immer lebendig ist, die eine Million Serben niedergemetzelt haben. Wie bitte erklärt sich ein derart widersprüchliches Verhalten?

Ein weiteres Beispiel: Der Transdnjestrischen Republik wird ebenso wie Abchasien das Recht auf Unabhängigkeit abgesprochen, weil sie "selbsternannt" seien. Doch welche GUS-Staaten sind nicht "selbsternannt"? Kasachstan etwa?

Die Ukraine? Doch sie wurden unverzüglich und ohne Vorbedingungen als rechtmäßig und sogar als demokratisch anerkannt (und die "Ukrainische Heimwehr" darf unbehelligt weiter im Braunhemd Fackelzüge veranstalten).

Haben sich nicht auch die Vereinigten Staaten einmal "selbst ernannt"? Aber das ist lange her. Heute verwehrt man den Kurden die Autonomie. Wenn sie nicht der Irak mit stillschweigender Zustimmung der USA zermalmt, besorgt es das Nato-Mitglied Türkei, gern auch außerhalb der Grenzen jener Nato. Und die gesamte zivilisierte Welt sieht dem Schauspiel mit größter Gleichgültigkeit zu. Sind die Kurden etwa ein "überflüssiges Volk"?