HAMBURG. - Vor den üppigen Auslagen des Juweliergeschäfts am Jungfernstieg steht ein geringfügig zerlumpter, doch verbindlich lächelnder Herr und hält den Flaneuren des sonnigen Sommersonntags den bunten Titel von Hinz und Kunzt entgegen. Die Hamburger zücken bereitwillig das Portemonnaie für sie gehören die 1500 Verkäufer der vom Diakonischen Werk ins Leben gerufenen Obdachlosenzeitung, die auch schon mal eine Auflage von 100 000 Stück erreicht, längst zum Stadtbild.

Ihre Hilfsbereitschaft werden die Einwohner und Besucher der reichsten Stadt Europas bald auch noch ganz anders unter Beweis stellen können: zum Beispiel indem sie in der Mittagspause ein vegetarisches Essen zu sich nehmen oder ein Fahrrad für eine Stadtrundfahrt mieten.

In bester Lage, gleich um die Ecke vom Jungfernstieg, soll sich in den nächsten Monaten eine ungenutzte und ziemlich angeschmuddelte Unterführung zum Einkaufs- und Freizeitangebot in bester Lage mausern. Das Konzept "Rathauspassage", dieser Tage mit ungewohntem Tempo von den Behörden genehmigt (es herrscht Wahlkampf), entwickelten der Diakonie-Chef Stephan Reimers und sein Kreis für "Neue Projekte".

Reimers, promovierter Theologe und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der CDU, leitet das hamburgische Diakonische Werk seit 1992 und hat außer dem Straßenmagazin, das 1993 aus der Taufe gehoben wurde, mit dem "Spendenparlament" zwei Jahre später den größten gemeinnützigen Verein Hamburgs ins Leben gerufen. Dessen Mitglieder erwerben sich durch einen festen Beitrag ab 120 Mark pro Jahr das Recht, in jedem Quartal einmal gemeinsam über die Verteilung des Gesamterlöses auf verschiedene Sozialprojekte zu entscheiden. Mit knapp 3000 Mitgliedern verfügt die ungewöhnliche Kammer mittlerweile über einen Etat von mehreren hunderttausend Mark im Jahr.

Zahlreiche Projekte des Diakonischen Werks wie das Hilfsmobil Mitternachtsbus, der Lebensmittelfonds der Hamburger Tafel oder die auf dem Gelände von Gotteshäusern errichteten Kirchenkaten sind speziell auf Obdachlose zugeschnitten. Mit der Rathauspassage soll nun wiederum den Trebegängern eine Chance gegeben werden, sich ins Erwerbsleben und ins Leben ihrer Stadt zu integrieren.

Auf einer Fläche von über 800 Quadratmetern, die als öder Durchgang zur S-Bahn mit ungenutzten, verrammelten Ladenlokalen und dem üblichen Kloakencharme vor sich hin gammelt, sollen bis zum kommenden Frühjahr Arbeitsplätze für bewährte Verkäufer von Hinz und Kunzt entstehen. Das zusätzliche Fachpersonal eingerechnet, das sich vor allem aus Langzeitarbeitslosen zusammensetzen wird, die bereits über ABM-Erfahrung verfügen, werden etwa zwanzig bis dreißig Stellen geschaffen.

Neben einem Café-Restaurant und einem Antiquariat sind Secondhand- und Eine-Welt-Läden vorgesehen. Den Touristen, die sich zwischen Alster, Rathaus und Einkaufspassagen tummeln, sollen Gepäckaufbewahrung, ein Fahrradverleih und eine Informationstheke bei der Erkundung der Hansestadt helfen.