Österreich hat es geschafft!Das Protokoll Nummer 10 seiner Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union nennt 23 "spezifisch österreichische Ausdrücke der deutschen Sprache", die in neuen EU-Rechtsakten "den in Deutschland verwendeten entsprechenden Ausdrücken (...) hinzugefügt" werden.Alles Wörter aus dem kulinarischen Bereich: von Beiried (Roastbeef) über Erdäpfel (Kartoffeln), Karfiol (Blumenkohl), Powidl (Pflaumenmus) bis Weichseln (Sauerkirschen).Der damalige Bürgermeister und Landeshauptm ann von Wien, Helmut Zilk, hatte mit diesem Verhandlungstriumph bei der Bevölkerung für den EU-Beitritt geworben.Auf einem Plakat rund um Wien prangte die Aufschrift "Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat".An fünf abgebildeten Gerichten wurde die Bewahr ung des österreichischen Deutsch vor dem EU-Sprachhobel verdeutlicht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden österreichische Besonderheiten der deutschen Sprache kaum beachtet, allenfalls als Sprachfehler.Das geringe Interesse daran, auch der Österreicher selber.Indiz für den Mangel an nationaler Eigenständigkeit, für die Anfälligkeit für den "Anschluß" an Deutschland.Umgekehrt verrät das heutige Beharren auf sprachlicher Eigenart eine entschlossene nationale Selbstbehauptung. Die Umbenennung des schulischen Deutschunterrichts in das Fach "Unterrichtssprache" im Jahr 1949 war von den Siegermächten angeregt.Sie suggerierte Sprachabspaltung, was die Österreicher nie wollten.Schon 1952 wurde daraus "Deutsche Unterrichtssprache" und 1955 einfach wieder "Deutsch". Aus eigener Initiative entstand dagegen 1951 die dauerhafte Einrichtung des "Österreichischen Wörterbuchs".Es wurde verbindlich für Ämter und Schulen und wird kostenlos an alle Schüler ausgeteilt.Das mit dem Wörterbuch verbundene nationale Anliegen spricht am deutlichsten aus einer scheinbaren Petitesse: Einige Wörter - in der 1.Auflage insgesamt 118 und in der 37. Auflage 219 - sind mit einem Asteriskus (einem "Sternderl") markiert.Damit wird angezeigt, daß es sich um ein bundesdeutsches Wort handelt, das nicht als österreichisch anerkannt wird.Freilich sind die betreffenden Wörter den Österreichern vertraut, wie etwa Abitur, Apfelsine oder Blumenkohl.Dennoch ist so gut wie jedem von ihnen eine österreichische Entsprechung beigefügt, in den genannten Fällen also Matura, Orange und Karfiol. Das Sternderl soll als Warnung dienen vor dem unbedachten Gebrauch in Österreich.Es handelt sich um einen Abwehrversuch gegen Spracheinflüsse aus Deutschland, um Sprachpurismus also.Die Wörterbuchmacher haben es sogar verstanden, vormals unmarkierte Wörter später zu besternderln und sie damit aus dem österreichischen Deutsch auszuschließen.Ein Beispiel ist Januar, das jetzt als deutsches Deutsch gilt - Jänner ist die zugehörige österreichische Variante.Diese Ausgrenzung von Wörtern hat der Schri ftsteller Friedrich Torberg als Kampf an der "Sahnefront" propagiert, womit er einen besonders unbeliebten Worteindringling aus Deutschland aufs Korn nahm, der das urösterreichische Obers (im Osten) oder den Rahm (im Westen) bedrohte.All diese Bemühu ngen dürfen keinesfalls, wie es bisweilen geschieht, mißverstanden werden als Versuche, eine eigene Sprache Österreichisch zu schaffen.Trotz Hunderter, wenn nicht Tausender von Wortbesonderheiten bleibt die Übereinstimmung mit dem deutschen Deutsch b ei weitem groß genug, um alle Zweifel an der Zugehörigkeit zur gleichen Sprache auszuschließen.Was in Österreich entstanden ist, nennen Linguisten angemessen eine "nationale Varietät" (der deutschen Sprache). Der deutschsprachige Teil der Schweiz hat diesen Zusammenhang anders gestaltet: vor allem durch allgemeines Dialektsprechen.Hierdurch sticht die Schweiz ab von Deutschland wie auch von Österreich, wo das alltägliche Sprechen breiten Dialekts auf ländliche und sozial benachteiligte Schichten beschränkt und dementsprechend markiert ist.In der Schweiz dagegen sprechen alle Schichten im Alltag breiten Dialekt, wogegen das Standarddeutsche wenigen Refugien förmlicher Situationen vorbehalten b leibt (etwa Rundfunk- und Fernsehnachrichten, Debatten im Nationalrat, Hochschulvorlesungen) sowie der schriftlichen Kommunikation.Die entschiedene Hinwendung aller Schweizer zum Dialekt ist sprachliche Verteidigung gegenüber Deutschland.Sie hat sich in der Zeit um den Ersten Weltkrieg eingespielt und während des Nationalsozialismus verfestigt.Die Behauptung, Hitler habe der Schweiz ihren Dialekt bewahrt, vereinfacht indes zu stark.Gegen Ende der dreißiger Jahre spielte der sprachliche " Heimatschutz" sogar mit der Sprachabspaltung.Die Schwyzer Schproch-Biwegig propagierte die eigene Sprache "Alemannisch", womit die Schweiz aus der deutschen Sprachgemeinschaft ausscheren sollte.Ähnlich ist ja Luxemburg mit dem Letzenburgischen verfahren.Allerdings bleiben in der Schweiz die Anhänger solcher Bestrebungen eine kleine Minderheit.Die generelle Hinwendung zum Dialekt symbolisiert die nationale Eigenständigkeit deutlich genug.Der im Vergleich zu den Österreichern traditionsreichere und entschlossenere Eigenw ille hat damit auch sein sprachliches Pendant.Der Schweizer "Nationaldialekt" ist regional reich gegliedert.Einen einheitlichen Eindruck bietet er nur nach außen hin, was genau seinem Zweck entspricht. Die gründliche Schweiz sichert ihre nationale Eigenständigkeit allerdings sprachlich doppelt ab.Sie leistet sich obendrein eine standardsprachliche Nationalvarietät, das "Schweizerhochdeutsche".Wie gegenwärtig dies im Bewußtsein vieler Schweizer ist, verraten die zahlreichen Proteste gegen das gelegentliche deutsche Deutsch im Schweizer Radio oder Fernsehen.Einer Nachrichtensprecherin, die ihre Ausbildung in Deutschland erhalten hat, wurde gar mit Entlassung gedroht, wenn sie weiterhin "Könich", "wenich" statt schweizerhochdeutsch "Könik", "wenik" ausspreche.Schriftlich ist der gänzliche Verzicht auf das ß markant.Ansonsten fällt, wie in Österreich, besonders das Vokabular auf: Estrich (Dachboden), Falle (Klinke), Glace, Umfahrungsstraße, V elo und vieles andere. Und wie steht es mit den Deutschen, den Eigenheiten ihres Deutsch und dem Bewußtsein davon, das heuer im Streit über die Rechtschreibreform zu erwachen scheint?Daß es zahlreiche standardsprachliche Besonderheiten Deutschlands gibt, die weder die Österreicher noch die Schweizer als für sich gültig betrachten, steht außer Zweifel: Wörter wie rote Bete (österreichisch Rane, schweizerisch Rande) oder Schornsteinfeger (österreichisch Rauchfangkehrer, schweizerisch Kaminfeger) sowie Aussprache besonderheiten wie die Stimmhaftigkeit der weichen Reibe- und Plosivlaute s, sch (wie in Garage), b, d, g und vieles mehr.Allerdings beginnen die Schwierigkeiten schon bei der Benennung, bedingt durch die Identität von Nations- beziehungsweise St aatsname und Sprachname.Die Doppelung in "deutsches Deutsch" suggeriert die Stellung im Zentrum.Dementsprechend heißt es bis heute oft "Binnendeutsch", nach einem Vorschlag des Bonner Germanisten Hugo Moser, der maßgeblich zur Erforschung der nat ionalen Vielfalt des Deutschen angeregt hat.Die Erforschung der Besonderheiten des "Binnendeutschen" blieb allerdings ausgenommen wurde dieses doch letztlich mit der deutschen Sprache überhaupt gleichgesetzt."Binnen-" und "Außen-" sind dabei nicht geographisch zu verstehen - sonst müßte vom Norden oder Süden die Rede sein -, sondern im Sinne unterschiedlicher Wichtig- oder sogar Richtigkeit.Auch der neuerdings vorgeschlagene Terminus "deutschländisches Deutsch" beinhaltet noch die Akzentuierung."Bundesdeutsch" ist nicht allgemein genug, da es nicht in die Vorkriegszeit zurückreicht. Die terminologische Schwierigkeit ist dadurch bedingt, daß der 1871 entstandene Staat oder die zugehörige Nation den Namen "Deutschland" besetzt hat, als habe es sich um die Zielgröße aller Einigungsbestrebungen der deutschsprachigen Länder gehandelt.Aus dem Einigungsprozeß war Österreich erst 1866 durch preußische Militärgewalt ausgeschlossen worden, wobei die süddeutschen Staaten damals noch auf seiner Seite kämpften.So gesehen wäre der Name "Preußisches Reich" (statt "Deutsc hes Reich") passender gewesen daß er von den ohnehin teilweise widerwilligen süddeutschen Staaten nicht akzeptiert worden wäre, steht auf einem anderen Blatt.Jedenfalls gebe es nicht diese Terminologienot, wenn man vom "preußischen Deutsch" reden könnte. Andernorts habe ich den Terminus "Teutonismen" vorgeschlagen - analog zu den schon gängigen Bezeichnungen "Austriazismen" und "Helvetismen" für die nationalen Varianten Österreichs und der Schweiz.Der Ausdruck mag allerdings mangelnde Zivilisiertheit der Bevölkerung nahelegen - was bei "teutonischem Deutsch" so deutlich wird, daß sich das verbietet. Die Terminologie war kein Problem, solange man die Existenz von Teutonismen gar nicht zur Kenntnis nahm.Sie sind in der Tat bis heute in keinem Nachschlagewerk der deutschen Sprache identifiziert.Auch die Dudenbände, einschließlich des achtbändigen Wörterbuchs, die das Standarddeutsche umfassend darstellen wollen, markieren sie nicht - anders als Austriazismen und Helvetismen, die sie sehr wohl als solche kennzeichnen. Wie sollen bei dieser Bewußtseinslage der Sprachwissenschaftler und der Kodifizierer des deutschen Deutsch die Laien ein angemessenes Wissen haben? Sie halten erst recht ihr Deutsch für allgemeingültig. Darüber hinaus wirkt das fehlende Bewußtsein von der Nichtallgemeingültigkeit der eigenen Sprechweise auf andere arrogant und ist es im Grunde auch.Daß die in Deutschland hergestellten sprachlichen Nachschlagewerke detaillierter und umfangreicher sind als in Österreich und in der Schweiz, läßt sich durch die unterschiedlich großen Märkte erklären.Daß sie aber den Österreichern und Schweizern, von denen sie notgedrungen mitbenutzt werden, das deutsche Deutsch als Allgemeindeutsch präsentier en, ist gedankenlos oder anmaßend.Daß österreichische und in geringerem Maße auch Schweizer Autoren bei deutschen Verlagen veröffentlichen, ist ebenfalls marktbedingt.Daß sie jedoch nicht selten um ihre Austriazismen oder Helvetismen kämpfen müsse n - wie eine von mir durchgeführte Umfrage unter Lektoren deutscher Verlage ergab -, hat noch andere Gründe.Österreichische und schweizerische Sprachbesonderheiten werden gewöhnlich nur akzeptiert für Inhalte, die sich auf Österreich oder die Schw eiz beziehen.Dagegen unterliegt das deutsche Deutsch nach Ansicht der Lektoren keiner entsprechenden Einschränkung. Unter solchen Umständen wirken auch ansonsten verständnisvolle Deutsche auf Österreicher oder Schweizer überheblich.Vielleicht speisen sich daraus die zählebigen negativen Einstellungen vieler Österreicher und Schweizer gegenüber Deutschen, die in Befragungen immer wiederkehren."Arrogant" und "vorlaut" sind notorische Attribute für die gescholtenen "Piefkes" und "Schwob". Ulrich Ammon lehrt Sprach- und Literaturwissenschaften an der Gesamthochschule Duisburg