In Bayreuth wird Fafner gespielt. "Ich lieg und besitz", grummelt dort der alte Wagner-Drache in der Neidhöhle, "laßt mich schlafen." Die Schätze dieses Festivals sind von alters her angehäuft. Auch ohne künstlerisches Zutun vermehrt sich das Publikumskapital noch auf Jahre hinaus. Auf dem Hügel kann noch lange geschnarcht werden. Augen zu, kein Siegfried in Sicht, sagt Wolfgang Fafner und zieht sich die Tarnkappe über die Nase. Bayreuth liegt in schönster Agonie und will's nicht wahrhaben.

Und wie steht's mit Salzburg, dem anderen Großfestival von vergleichbarem Alter und Prestige? Was wird in Salzburg gespielt?

Wenn es nach Gérard Mortier geht, wird europäisches Welttheater im Provinzwinkel gemacht. In dieser - seiner sechsten und längsten - Spielzeit hat der Intendant die Künste Europas groß aufspielen lassen, in allem hegemonialen Glanz. Wenn schon die wirtschaftliche, soziale und politische Hegemonie des Westens zu Ende geht, so merkte der Festival-Begleitdenker Eric Hobsbawm an, dann behaupten die Salzburger Festspiele doch die Vorherrschaft Europas in der Weltkunst. Sie durchmustern das Jahrhundert der Moderne und offenbaren die Hochkultur des Kontinents in aller blühenden, herzbewegenden Lebendigkeit. Sie zeigen, daß diese mehr ist als bloß "ein von Schulmeistern und reichen Eliten und der Fremdenverkehrswerbung gehütetes Ghetto".

In den Mittelpunkt stellte der Intendant nicht weniger als neun Opernproduktionen. Bayreuth ist programmatisch festgelegt auf die Wagner-Exegese als work in progress, das beschränkt seinen Spielraum, sichert aber seine Singularität. Salzburg muß andere Strategien anwenden, um seine Besonderheit zu definieren. Einzigartig ist hier nicht der Dienst an einem Künstler-OEuvre, einzigartig ist das Arrangement, das Künstler und Werke zusammenführt.

Salzburg kann und muß sich nicht als exklusive Mozart-Modellmanufaktur der Welt ausgeben. Mit Glück gelingt es manchmal dennoch - wenn Achim Freyer im Zirkuszelt die Summe seiner "Zauberflöten"-Phantasien zieht, wenn die Herrmanns mit ihrer "Clemenza di Tito"-Produktion wie in der Zeitfalte die alte, edle Schaubühnen-Ästhetik zur reinen Anschauung bringen. Trotzdem: Die Exklusivität der Salzburger Festspiele liegt in der aparten Konstellation - in der überraschenden Kombination, im intelligenten Widerspruch, in der ästhetischen Polarisierung. Mozart & Moderne im reizvollen Widerspiel.

Wie in Bayreuth, nur verschärft durch Dünkel, zeigt sich auch in Salzburg die Disproportion zwischen der Stadt und dem Ereignis. Salzburg ist keine smarte Stadt, ihr fehlen smarte Politiker und Bescheidwisser. Mit den urbanen Freizeit-Flaneuren, die aus aller Welt anreisen, um hier Wernicke, Greenaway oder Sellars zu sehen, um Lachenmann, Ustvolskaya oder Scelsi zu hören, weiß Salzburg nichts anzufangen: too sophisticated, too outlandish. Die Stadt ist ihren Festspielen intellektuell und ästhetisch nicht gewachsen. Das ist Mortiers Dilemma. Sein Elend. Sein Glanz. Daß der Fremdenverkehr in Österreich überall einbricht, der Salzburger Edeltourismus dank der Festspiele aber standhält, daß seit Karajans Zeiten die Karteneinnahmen um fünfzig Prozent, die Kartenpreise aber nur um zwanzig Prozent gestiegen sind - dieses Festspielmirakel wollen die Salzburger Miesmacher und ihre Wiener Einbläser nicht wahrhaben.

Die Neidhöhle der Salzburger Festspiele befindet sich in Wien. Dort schleichen die Alberiche um den Hort und reden ihn zu Blech. Das Burgtheater wird von ihnen soeben verösterreichert. Jetzt soll noch Salzburg dran glauben.