Edinburgh Die spätsommerliche Sonne taucht die schöne Kulisse der Stadt in ein zartes Licht. Es ist Festspielzeit in Edinburgh. Gaukler, Komödianten und Avantgardisten geben rund um die Uhr Vorstellungen in Kellerlöchern, in Pubs und auf offener Straße. Fast zufällig stolpert man in Konzerte, die man sein Leben lang nicht vergessen wird.

Schottland blüht und gedeiht, nicht nur kulturell. Die britische Regierung ist vom Außenminister über den Schatzkanzler bis zum Lord Chancellor mit Schotten besetzt. Die Wirtschaft floriert, die Arbeitslosigkeit liegt unter sechs Prozent. Auch Alex Salmond, verbindlich und jovial, ist mit sich und der Welt zufrieden. Er ist Führer der Scottish National Party (SNP), der nach Labour zweitstärksten Partei. Und der Moment, auf den die SNP seit 1934 hingearbeitet hat, rückt immer näher: devolution, die Rückführung von Hoheitsrechten aus London nach drei Jahrhunderten parlamentarischer Union mit England. Am 11. September stimmt Schottland über die Einführung eines Parlaments ab. Und darüber, ob diese Kammer eine Einkommensteuer, die um zehn Prozent vom Niveau im restlichen Königreich abweicht, erheben darf.

Wir schlendern über das Gelände des New Parliament auf Calton Hill, einem mit eklektischen Monumenten übersäten Hügel im Osten der Stadt. Das graue Gebäude, die Old Royal High, ist ein Denkmal des letzten Anlaufs: 1979 votierten nur 32,9 Prozent der Wahlberechtigten für die Einrichtung eines Parlaments in dem schon bezugsfertigen Plenarsaal. Es ist die Angst der Schotten vor dem Neuen, sagt Salmond. Diesmal freilich scheint das Land geradezu schlafwandlerisch in die neue Zukunft zu tappen.

Schottland ist ein konservatives Land, in vielen Dingen konservativer als England, aber es wählt links. Margaret Thatcher hat nie begriffen, warum sie gerade hier so verhaßt war, da sie sich doch immer als Erbin des schottischen Nationalökonomen Adam Smith verstand. Der schottische Konservativismus aber hat mehr mit dem Festhalten an Traditionen und überkommenen Strukturen zu tun als mit Smiths Theorien von der Arbeit als Maßstab des Wertes und dem Eigennutz als Triebfeder der Produktion.

Nach der Wahl 1992 lenkte die SNP den Ärger der Schotten über die in England scheinbar unbesiegbaren Tories geschickt in nationalistische Bahnen. Ein Bekannter, vom Scheitel bis zur Sohle Labour, erklärte mir jetzt, das schottische Volk benötige eine eigene Volksvertretung als "Ausdruck unserer ethnischen Identität". Zustimmung aus Europa gab den Rufen nach "nationaler Selbstbestimmung" Impetus: Brüssel förderte das schottische Aufbegehren gegen die Londoner Sparpolitik mit verschwenderisch ausgeschütteten Regionalentwicklungsgeldern.

Hollywood heizte den Kulturkampf mit Machwerken wie "Braveheart" und "Rob Roy" an. Jugendliche putschen sich mit "Braveheart"-Videos auf und verprügeln gelegentlich ihre englischen Mitschüler. "Der 17jährige Paul Rennie", liest man dann in der Zeitung, "trat sein fünfzehnjähriges Opfer wiederholt ins Gesicht und rief ,Freiheit', den Schlachtruf seines Helden William Wallace."

Die meisten Menschen, mit denen ich mich unterhalte, sind ganz zufrieden mit dem Status quo. Vor allem, seit die Tories nicht mehr am Ruder sind. Bei Umfragen kam die "nationale Frage" nie höher als auf Platz acht in der Liga der wichtigsten politischen Themen. Doch die schottischen Medien sind von der devolution wie von einer fixen Idee besessen. Und mit ihnen die Politiker.