Die deutsche Literatur wird immer multikultureller und kosmopolitischer.

Nicht wenige Autoren und Autorinnen aus anderen europäischen Ländern, aus der Türkei, dem Iran, aus arabischen Staaten und aus Japan schreiben auf deutsch und vermitteln etwas von den Friktionen und Symbiosen, die sich beim Dialog oder beim Zusammenstoß der Kulturen ergeben. Und kaum ein zeitgenössischer Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, der nicht von seinen Aufenthalten im europäischen Ausland beziehungsweise auf anderen Kontinenten berichtet hätte, in dessen Büchern nicht Spuren der Begegnung mit dem Fremden zu finden wären.

Nichts hat zu einer größeren Stagnation und Sterilität in der deutschen Literaturdebatte geführt als die Fixierung auf den "großen" Wiedervereinigungsroman. Daß eine Debütantin wie Anne-Felicitas Görtz sich durch solche Erwartungen nicht beeinflussen ließ, ist erfreulich. Sie hat einen Band vorgelegt, dessen Untertitel "New Yorker Short stories" lauten könnte. Was gibt das New-York-Thema nach Uwe Johnsons "Jahrestagen" noch her?

Johnson ließ seine Heldin im New York der späten sechziger Jahre ihre sehr deutschen Erfahrungen aufarbeiten. Ganz anders bei Anne-Felicitas Görtz. Sie schreibt Erzählungen, die atmosphärisch Facetten des Lebens in der amerikanischen Metropole wiedergeben. Ihr geht es dabei nicht um einen Realismus, wie man ihn aus New-York-Dichtungen von John Dos Passos' "Manhattan Transfer" bis zu Tom Wolfes "The Bonfire of the Vanities" kennt.

Hier ist nichts episch breit angelegt, vielmehr werden Episoden in einer Art filmischen Schreibens ausgeleuchtet, Szenen, die so plötzlich einsetzen wie enden, so daß der Leser - wie oft in der postmodernen Literatur - zur fiktionalen Mitarbeit aufgefordert wird.

Das Meisterstück in diesen sechs Erzählungen ist die Titelgeschichte "Leslies Apartment": Eine junge Frau aus Europa verbringt die letzten Tage ihres dreimonatigen New-York-Aufenthalts in einer Wohnung, die einem ihrer Bekannten zur Verfügung steht, weil ein Freund verreist ist. Zwischen der Europäerin und dem Amerikaner, einem Professor der Musikwissenschaft, entwickelt sich eine Beziehung, die in der Schwebe zwischen Zu- und Abneigung bleibt, die sich - was mit seiner Egozentrik und ihrer gefühlsmäßigen Unsicherheit zu tun hat - nicht zu einem Liebesverhältnis entwickelt. Denn Liebe ist hier etwas, das man nicht mehr erlebt, sondern worauf man in Reproduktionen von Gemälden, Bildern aus Filmen, Strophenfetzen aus der populären Musik und Imagos aus der Reklame wie auf etwas Chimärisches verwiesen wird.

Würde man eine Wortkonkordanz zu "Leslies Apartment" zusammenstellen, zeigte sich, daß das am häufigsten vorkommende Nomen "Körper" ist. Die Autorin beschreibt nicht von außen den aktuellen Körperkult der westlichen Welt, sondern kritisiert ihn von innen her. Dabei tastet sie sich sprachlich bis an die äußersten Grenzen sensorischer Erfahrung, Wahrnehmung und Erkenntnis heran etwa wenn sie den Musikprofessor als leistungswahnsinnigen Schwimmer seine Bahnen ziehen läßt oder wenn Drogensüchtige ("Augen wie Fenster zur Totenwelt") als Teil des New Yorker Alltags im Text auftauchen. Andere Erzählungen haben mit Aspekten der Kriminalität, der Persönlichkeitsspaltung, des Friedhofskultes zu tun.