Sanft streicht Uschi Seifart über die feinen Stoffe. Edelstes Material, aufwendig verarbeitet und originalgetreu der Kleidung nachgeschneidert, die man im Frankreich des vergangenen Jahrhunderts trug. In der Bühnengarderobe des Duisburger Musical-Hauses hängen diese wertvollen Stücke zu Hunderten.

Für jedes würden Liebhaber tief in die Tasche greifen - wenn nur die vielen Löcher, Risse und Flecken nicht wären. "Das ist Blut", sagt die Pressesprecherin des Musicals und zeigt auf große rotbraune Flecken, die eine weiße Rüschenbluse ruinieren. Der Lederhose daneben fehlt ein halbes Bein, die Brokatweste verunstaltet ein häßlicher Winkelhaken. Neue Kleider so gründlich zu zerlumpen macht viel Arbeit. "Wir beschäftigen eine Kostümdesignerin, die macht den ganzen Tag nichts anderes", sagt Uschi Seifart. Die Stella AG, die das Musical vermarktet, legt bei der Requisite großen Wert auf Authentizität. Und so wird die Ausstattung für Victor Hugos "Les Misérables" bis zum letzten Knopf auf Blut, Rost, Dreck und Tränen getrimmt.

"Les Misérables" - die Elenden - und die krisengeschüttelte Stadt Duisburg leben in einer merkwürdigen Symbiose: Auf der einen Seite ist die Industriestadt im Niedergang mit ihren Fördertürmen eine passende Kulisse für ein Theaterstück über Armut und Revolution. Auf der anderen Seite will Duisburg mit dem Musical als Anziehungspunkt für Besucher aus ganz Deutschland genau von diesem schmuddeligen Image weg.

Das Duisburger Zentrum läßt kaum erahnen, wie schlecht es um die Stadt steht.

Die Königstraße - die Einkaufsmeile inmitten der City - zeigt braven Chic.

Das historische Rathaus, Sitz des Deutschritterordens von 1254, ist liebevoll restauriert, und gleich dahinter, am Innenhafen, entstehen neue Wohn- und Geschäftszeilen aus Glas und Stahl. Abseits des Zentrums aber, in den Seitenstraßen der Stadtteile Marxloh, Bruckhausen und Laar, ist der Verfall augenfällig: Ganze Häuserzeilen sind teilweise unbewohnt, viele Fenster und Türen zugemauert. Die Infrastruktur bröckelt. In vielen Schulen pfeift der Wind durch die morschen Fensterrahmen. "Es ist eine Gratwanderung", sagt Monika Kuban, Stadtdirektorin, Kämmerin und Personaldezernentin in einer Person. "Renovieren wir die Fußgängerzone, dann heißt es: Ihr habt wohl doch noch zuviel Geld. Ließen wir die Innenstadt verkommen, würden wir uns die Chance auf einen Aufschwung endgültig verderben."

Im schmucklosen Saal der Arbeiterwohlfahrt des SPD-Ortsvereins Duisburg-Homberg warten die Genossen. Monika Kuban erklärt ihnen die katastrophale Finanzsituation der Stadt. Sie wirbt für weitere Sparmaßnahmen.