"Und die Leute haben plötzlich Kostenbewußtsein entwickelt." Seit Reisekosten nicht mehr zentral abgerechnet werden, sondern jede Verwaltungsstelle sie aus ihrem Etat finanzieren muß, wird dreimal überlegt, ob die Dienstreise nach Süddeutschland unbedingt nötig ist. Und seit die Müllgebühren den Schulen direkt angelastet werden, ist dort so manche überflüssige Abfalltonne abgemeldet worden. Mehr als hundert Millionen Mark sind in den zurückliegenden fünf Jahren in der Duisburger Verwaltung eingespart worden - und das, obwohl bereits 1992 alle glaubten, keine Mark mehr aus ihren Haushaltsstellen herauspressen zu können.

Der Regierungspräsident und der Bund der Steuerzahler werden aus Duisburg mit immer neuen Ideen überrascht, wie eine Verwaltung mit noch weniger Geld funktionieren kann. Das Rechenzentrum und die Oper betreibt Duisburg gemeinsam mit Düsseldorf, die städtische Feuerwehr kooperiert mit den Kollegen der Nachbarstadt Mülheim und mit der Thyssen-Werksfeuerwehr. Jeweils zwei Schulen teilen sich einen Hausmeister, und das Amt für Wirtschaftsförderung wurde schon vor zehn Jahren privatisiert.

Um ein wenig liquide zu bleiben, verscherbelt Duisburg städtisches Vermögen.

Zweihundert Millionen Mark pro Jahr - das sah die bisher gültige Finanzplanung für die nächsten Jahre vor - muß die Kämmerin aus dem Verkauf von Grundstücken, Immobilien und anderem städtischen Vermögen in den Haushalt einbringen. 1995 verkaufte die Stadt sogar Darlehensforderungen aus dem städtischen Wohnungsbauförderungsprogramm. Die Kämmerei beauftragte eine Finanzberatung, die Forderungen auf dem Markt feilzubieten. Auf einen Schlag flossen 190 Millionen Mark in die Kasse, die sonst über 30 Jahre hinweg in kleinen Beträgen abgestottert worden wären.

Schon ist die Duisburger Kreativität im Umgang mit Finanzen den Aufsichtsbeamten in der Landeshauptstadt nicht mehr geheuer. Als die Stadt im vergangenen Jahr dreißig Schulen an eine Leasinggesellschaft verkaufen und anschließend zurückmieten wollte, legte der nordrhein-westfälische Innenminister sein Veto ein. Das Geschäft hätte rund 200 Millionen Mark in die Kasse gespült und es der Stadt Duisburg ermöglicht, die maroden Schulgebäude endlich zu sanieren. Die Verträge waren schon aufgesetzt, da kam das Verbot aus Düsseldorf. Undichte Dächer, morsche Fenster, heruntergekommene Sanitäranlagen - die Schulen werden weiter verfallen, weil für die nötigsten Reparaturen auch in Zukunft das Geld fehlen wird. "Wir werden zum Schluß einen Sanierungsbedarf haben, der die Kosten der jetzt unterlassenen Bauunterhaltung erheblich übersteigen wird", prophezeit Monika Kuban. In der Verwaltung macht sich das Gefühl breit, daß die übergeordneten Stellen in der Landeshauptstadt doch weiter von Duisburg weg sind, als es die dreißig Kilometer lange Strecke den Rhein hinauf vermuten läßt. "Es gibt diesen Satz eines preußischen Finanzministers: Nur Nichtwissen schützt vor Bewilligung", zitiert Monika Kuban, "und manchmal scheint Düsseldorf diesem Satz zu folgen."

Die Krisenstadt Duisburg ist Vorbild. 1992 erhielt die Kommune den begehrten Speyer-Preis der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, in "Würdigung und Anerkennung herausragender Verdienste um die Modernisierung der Verwaltung". Ein Jahr später wurde Duisburg als einzige deutsche Stadt ausgewählt, sich am weltweiten Wettbewerb der Bertelsmann Stiftung zum Thema "Demokratie und Effizienz in der Kommunalverwaltung" zu beteiligen. Jetzt stellt die Stadt ihren Haushalt auf kaufmännische Kosten- und Leistungsrechnung um. In Zukunft soll genau erkennbar sein, wie teuer zum Beispiel das Ausstellen eines Personalausweises ist oder was ein Beratungsgespräch im Wohnungsamt kostet. Mit dieser Reform will die Verwaltung herausfinden, ob ihre Dienstleistungen wirtschaftlich sind.

Der städtische Haushalt wird zu einem Kunstwerk aus kreativen Einsparungen und unkonventionellen Einnahmen. Aber in jedem Sommer ist die ausgeklügelte Rechnung wieder Makulatur - wenn wieder einmal die Steuereinnahmen weit niedriger ausfallen als geschätzt. So schnell, wie die Arbeitsplätze in den altindustriellen Branchen wegbrechen, können keine neuen Jobs entstehen. Und je länger die wirtschaftliche Talfahrt andauert, desto schwieriger wird es für die Stadt, den Verfall aufzuhalten. Im vergangenen Jahr mußte die Aakerfährbrücke von einem Tag auf den anderen gesperrt werden: Die Verkehrsachse über die Ruhr drohte zusammenzubrechen. Wieder einmal waren notwendige Reparaturen zu lange aufgeschoben worden. Der Brücke über den Eisenbahnhafen im Stadtteil Homberg - sie steht schon seit neun Jahren auf der Sanierungsliste - droht das gleiche Schicksal. "Wenn die neuralgischen Punkte der Konstruktion nicht gesichert werden", warnte der städtische Tiefbauingenieur, "dann fällt das Ding in den Bach."