Im Schatten der großen Rheinbrücke beginnt für Reiner Sanner das Duisburger Paradies: Es nennt sich Rheinhausen und machte von sich reden, als aufgebrachte Arbeiter des Krupp-Hüttenwerks einst gegen das Ende des Hochofenbetriebs protestierten. Das 260 Hektar große Gelände war für den Bezirksbeamten Sanner, einen gebürtigen Rheinhausener, lange Zeit eine verbotene Stadt. Wo andere Kommunen Uferpromenaden und repräsentative Wohn- und Gewerbeparks bauten, hielten in Duisburg Stahlschmelzen und Walzstraßen die Filetstücke der Stadt besetzt. Rheinhausen war nicht viel mehr als eine Werkssiedlung für Krupp, und das heruntergekommene Marxloh auf der anderen Rheinseite gehört heute noch zur Hälfte dem ehemaligen Konkurrenten Thyssen.

Erst nach der Schließung der letzten Produktionsstätte konnte Reiner Sanner zum erstenmal durch die verlassenen Werksstraßen spazieren - und er spürte, welche Reserven seine Malocherstadt hat: dreieinhalb Kilometer beste Lage am Rheinufer. Neun Jahre sind seit dem Schließungsbeschluß für das Hüttenwerk vergangen, doch immer noch ragen die ausgedienten Schlote in den Himmel. Wo früher 16 000 Kruppianer Stahl kochten, sind gerade mal 600 neue Arbeitsplätze entstanden. Erst 40 von insgesamt 260 Hektar sind verkauft - an die Landesentwicklungsgesellschaft, welche die Flächen saniert und an Unternehmen verkaufen will. Für weitere 60 Hektar interessiert sich die Duisburger Hafengesellschaft. Krupp verlangt 150 Mark pro Quadratmeter selbst für hoch schadstoffbelastete Flächen. Duisburg braucht die Flächen. Krupp kann warten.

Seit mehr als zwanzig Jahren wird in Nordrhein-Westfalen von Politikern aller Couleur der wirtschaftliche Strukturwandel eingefordert. Die fünf Wirtschaftsminister der Ära Rau stießen mit Sekt an, wenn Kleinstbetriebe der Gentechnik, Medienwirtschaft oder Computertechnologie gegründet wurden. Und kaum jemand scherte sich um die Immobilienpolitik der Montan-Konzerne, die ihren immensen Besitz an Grund und Boden nur zögerlich hergegeben haben.

Ebenso geschickt haben es Bund und Länder in den vergangenen Jahren verstanden, Kosten auf die Kommunen abzuwälzen. Wohltaten, die der Bund den Bürgern und den Unternehmen gewährt, reißen Löcher in die Etats der Kommunen.

Zum Beispiel die Reform der Gewerbesteuer. "Wir haben ausgerechnet, daß uns allein diese Gesetzesänderungen seit Anfang der achtziger Jahre zusammengenommen hundert Millionen Mark pro Jahr gekostet haben", sagt die Kämmerin Monika Kuban. Hinzu kam die staatliche Garantie auf einen Kindergartenplatz. Um den Bundesrat bei der Neufassung des Abtreibungsparagraphen 218 ins Boot zu holen, garantierte der Bund allen Kindern vom dritten Geburtstag an einen Kindergartenplatz. Den Preis zahlen wieder die Kommunen. Sie müssen neue Kindergärten bauen - und Erzieher einstellen. Duisburg - vom Land immer wieder ermahnt, noch mehr Personal einzusparen - hat dafür allein im vergangenen Jahr 88 zusätzliche Stellen schaffen müssen. Daß die Stadt Duisburg zu alldem auch noch 70 Milliarden Mark pro Jahr im Rahmen des Solidarpaktes für den wirtschaftlichen Aufbau in den neuen Bundesländern zahlt, erscheint der Kämmerin fast wie ein Hohn.

Schließlich steht so manche ostdeutsche Stadt wirtschaftlich besser.

"Subventionen müßten doch nach Bedürftigkeit verteilt werden und nicht nach geographischen Gesichtspunkten", meint Monika Kuban.