VORPOMMERN. - Wie das so ist mit den Dichtern, zunächst kennt man sie durch ihre Werke. Begegnet man dann einem von ihnen, vergleicht man ihn automatisch mit dem Bild, das man sich von ihm gemacht hat. Von Christoph Hein hatte ich "Der fremde Freund" (im Westen "Drachenblut") gelesen, in dem eine erfolgreiche Frau mittleren Alters so kühl agiert, daß es mich fröstelte, und "Horns Ende", in dem ein engagierter Genosse von opportunistischen Funktionären in den Tod getrieben wird. Im Theater hatte ich mir "Cromwell" angesehen, das Stück von einem Revolutionär, der zum Tyrannen wird, und "Die wahre Geschichte des Ah Q", eine Mär vom Scheitern revolutionärer Utopie in Fernost. Nach dieser Lektüre hatte ich mir den Autor kühl, distanziert und ein bißchen zynisch vorgestellt. Er ist ganz anders.

In den Sommermonaten ist er schwer zu erreichen, denn dann lebt Christoph Hein nicht in Berlin, sondern auf dem Lande, in einem Haus ohne Telephon. Nur Freunde kennen die Nummer seines Nachbarn. Meine Vorfreude auf die Heins und die vorpommersche Landschaft ist diesmal leicht gedämpft. Ich weiß, er redet nicht gern über sich, auch nicht über das, was er gerade schreibt.

Vielleicht, denke ich mir, schreibt er im Augenblick gar nicht. Schließlich will das Gras gemäht, der Wein angebunden und wollen seine Blätter geschnitten werden, damit die Trauben Sonne kriegen. Außerdem kommt gerade ein neues Buch von ihm in die Läden. "Von allem Anfang an" heißt es und beschreibt das Leben in der DDR der fünfziger Jahre aus der Sicht eines Dreizehnjährigen. Nein, es sei nicht autobiographisch, sagt er, als wir auf der überdachten Terrasse beim Tee sitzen, während ein Gewitterregen niedergeht, nicht autobiographischer als "Napoleonspiel", der Roman, in dem ein Rechtsanwalt aus lauter Langeweile einen Menschen umbringt.

Ich sehe zu ihm rüber. Ich weiß, wie er blickt, wenn er einen Scherz gemacht hat, auf den ich reingefallen bin. Aber jetzt kein amüsiertes Grinsen, keine fröhlich zusammengekniffenen Augen. Es ist ihm ernst. Eigentlich sei bei ihm alles Biographie, sagt er, nur sei die Wahrheit stets maskiert: "Mit den Masken des Spiels, die mehr Freiheit erlauben. Auch mehr Freiheit zur Wahrheit."

Irgendwie muß es doch mit ihm zu tun haben. Wenn seine Figuren kühl und distanziert scheinen, dann sind das nur die Masken, hinter denen er sich versteckt. In natura ist Christoph Hein liebenswürdig, ein wenig scheu und ein wirklich guter Freund für seine Freunde.

Kennengelernt hatte ich die Heins in den Achtzigern durch eine gemeinsame Freundin, Janina aus Warschau. Sie vermutete, wir würden uns gut verstehen, und gab Christoph die Adresse von meinem Ostberliner Büro. Eines Tages erschien er und erzählte, ihre Katze habe Junge und ob ich nicht eines davon haben möchte. Ein rotgelber Kater namens Wassjok ist heute Heins Begleiter.

Christoph und Christiane leben in einem Haus, das aussieht wie alle Neubauernhäuser in Vorpommern. Arbeitszimmer ist, was früher Stall war, der Heuboden ist zum größten und schönsten Raum umgebaut. Viel haben sie selbst gemacht, sogar das Dach hat der Dichter selbst gedeckt. "Anders ging es in der DDR gar nicht."