Die Islamische Republik lebt seit ihrer Gründung 1979 mit einem grundlegenden Widerspruch. In der Theorie immerhin akzeptiert die iranische Verfassung das Prinzip der Gewaltenteilung, eine frei gewählte Volksvertretung, eine unabhängige Justiz und eine mit den üblichen Machtbefugnissen ausgestattete Exekutive. Doch diese demokratischen Spielregeln werden zur Farce durch die Institution der Welajate Faghieh, wörtlich "die Herrschaft des Stellvertreters Gottes". Diese Institution ist laut Verfassung die höchste politisch-religiöse Instanz im Iran und besteht aus nur einer Person: Nach der Revolution war das zunächst Chomeini, dann, seit seinem Tod 1989, Chamenei. Solange Chomeini lebte, war dieser Widerspruch zwischen einem demokratischen und einem theokratischen System kaum zu spüren. Als unumstrittener Führer der Revolution genoß Chomeini uneingeschränkte Autorität. Parlament, Regierung, Justiz und, noch wichtiger, die breiten Massen der Bevölkerung folgten den Anweisungen des greisen Volkstribuns.

Sein Nachfolger Chamenei besitzt längst nicht dieselbe Autorität. In Kreisen der schiitischen Geistlichkeit wird er als religiöse Instanz nicht anerkannt.

Seine Macht im Parlament und in der Regierung muß er vorwiegend durch Intrigen, Korruption und Kumpanei behaupten. In der Bevölkerung wird er oft als Chomeini im Taschenformat belächelt und als Führer kaum akzeptiert.

Chomeini war das Original, Chamenei ist die Fälschung. Dieser Autoritätszerfall auf Seiten der religiösen Führung macht den erwähnten Widerspruch in aller Schärfe sichtbar. Die zunehmend unzufriedenen Iraner nutzten ihre Chance, von ihrem in der Verfassung verankerten Recht Gebrauch zu machen.

Mohammed Chatami, Irans neugewählter Staatspräsident, gehörte jahrelang dem Kabinett seines Vorgängers Rafsandschani an, wurde dann aber aus seinem Amt als Minister für islamische Führung entlassen, weil er die strenge Zensur der Medien lockern wollte. Chatami ergriff seine Chance und stellte sich zur Wahl. Er versprach, eine zivile Gesellschaft zu gründen, den Medien, der Kunst und Literatur mehr Freiheit zu gewähren, Frauen in das gesellschaftliche Leben einzubeziehen, auf die Nöte und Bedürfnisse der Jugendlichen mehr Rücksicht zu nehmen, den ökonomischen Druck auf die Bevölkerung zu mildern und die Grenzen des Landes nach außen zu öffnen. Das Volk nahm den Kandidaten beim Wort. Obwohl sich in dem äußerst kontrovers geführten Wahlkampf die oberste Instanz, Chamenei, und nahezu sämtliche Machtzentren des Landes auf die Seite des Gegenkandidaten, des konservativen Parlamentspräsidenten Nateq Nuri, stellten und mit allen Mitteln Chatamis Weg zur Macht zu versperren suchten, votierten fast siebzig Prozent der Wahlbeteiligten für den liberalen Kandidaten. Dieses Votum bedeutet eine radikale Absage an die bisherige Politik der Islamisten und eine Willensbekundung für Freiheit und Liberalität.

Mit diesem Votum steht Iran an einem Scheideweg. Orientiert sich die politische Führung in Zukunft an den Vorstellungen der obersten religiösen Instanz Chamenei und seiner fundamentalistischen Handlanger, dann muß sie gegen den Willen des Volkes handeln. Das aber wäre nur durch verschärften Terror nach innen und stärkere Abgrenzung nach außen möglich. Wird aber das Wahlergebnis tatsächlich akzeptiert, dann werden die religiösen Instanzen nahezu überflüssig. Wie auch immer sich der neue Präsident in Zukunft verhalten wird: Der tiefe Riß, der durch die Wahl Chatamis in den Festungsmauern der Islamischen Republik entstanden ist, wird nicht mehr zu kitten sein. Genau darin liegt die historische Bedeutung dieser Präsidentschaftswahl. Das Volk verlangt von Chatami die Einhaltung der gegebenen Versprechen. Wird er vor der Macht der Konservativen kapitulieren und bald das Handtuch werfen oder genug Mut aufbringen, den Fundamentalisten Paroli bieten und ihnen die Macht aus den Händen reißen? Das ist die Frage, die sich in diesen Tagen Millionen im Iran stellen.

Die erste Bewährungsprobe Chatamis, die Auswahl seiner Regierungsmannschaft, hat er hinter sich. Seine Personalpolitik zeigt, wie der neue Staatspräsident die Hürden, die ihm die Hardliner bereits aufgebaut haben, zu überwinden gedenkt. Er geht äußerst behutsam vor, zeigt sich kompromißbereit, beharrt aber entschieden auf seinem angekündigten Kurs. Er ist ein Mann der kleinen, aber entschiedenen Schritte. Die Liste seines Kabinetts, die er letzte Woche dem Parlament zur Abstimmung vorlegte, ist keineswegs provozierend. Auf dieser Liste befindet sich kein Außenseiter. Alle Minister gehören islamischen Kreisen an, waren bereits Träger von hohen Ämtern.