Seit siebzehn Jahren verwaltet die Jewish Claims Conference (JCC) deutsches Geld, um Naziopfer zu entschädigen. Derzeit erwägt Bonn, der US-Organisation neue Mittel für Überlebende des Holocaust in Osteuropa anzuvertrauen. Derweil wächst die Kritik am JCC - und an den engstirnigen Vergabekriterien, mit denen Bonn zu sparen hofft.

Alec Mutz war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal einem SS-Offizier begegnete. Am 17. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Tarnobrzeg ein, einer Kleinstadt nahe Krakau. Mutz, seine Familie und die anderen Juden des Ortes wurden zusammengetrieben und in ein Ghetto in Tarnów verfrachtet.

Dem Ghetto folgten Konzentrations- und Arbeitslager. Mehr als drei Jahre verbrachte Mutz in den KZ-Baracken von Mielec, Wieliczka und Flossenbürg. In einem Alter, in dem andere Kinder Fußball spielen, erlebte er Terror, Folter, Mord. Ihm wurden die Zähne ausgeschlagen, fast wäre er an Hunger und Typhus gestorben. Seine Mutter starb in den Gaskammern von Treblinka. Sein Bruder wurde vor seinen Augen totgeprügelt. Nur Alec Mutz und sein Vater überlebten.

Der 67jährige berichtet all dies in einem ruhigen, fast gleichmütigen Tonfall. Nur einmal, als es um den Tod des Bruders geht, bricht seine Stimme, füllen sich die Augen mit Tränen. Mutz hat seine Geschichte oft erzählt. Sie steht in Briefen an Behörden, an amerikanische Abgeordnete und an den deutschen Bundeskanzler. Auch die Conference on Jewish Material Claims against Germany in New York, verkürzt Jewish Claims Conference (JCC), kennt sein Schicksal. Mutz ist einer unter 136 000 Fällen in den JCC-Akten.

Seine Briefe wurden beantwortet. Meist war in den Schreiben von "Verständnis für Ihr Leid" die Rede, manchmal auch von "Anteilnahme". Nur Geld ist Mutz bis heute versagt geblieben. Erst hieß es, sein Aufenthalt im Konzentrationslager sei zu kurz gewesen - genau zwanzig Tage zu kurz. Dann wurde ihm beschieden, er verdiene zu gut. Beides - zu wenige KZ-Tage damals und zuviel Lohn oder Rente heute - disqualifiziert ein Naziopfer für eine Entschädigung aus deutschen Haushaltsmitteln.

Mutz steht nicht allein. Tausenden jüdischen Überlebenden des Holocaust in Amerika und anderen Ländern wird eine Entschädigung für ihr Leid verweigert: Sie fallen durch das Raster deutscher Anspruchskriterien, sie können ihr Martyrium nicht hinreichend beweisen. Sie waren kürzer als sechs Monate im KZ, weniger als achtzehn Monate im Ghetto oder lebten weniger als eineinhalb Jahre in Verstecken. Ihr Konzentrationslager ist nicht offiziell verzeichnet, ihr Judenviertel steht auf keiner Liste. Ihre Qualen passen nicht ins bürokratische Muster. 52 Jahre nach Kriegsende wird diesen Überlebenden bedeutet, sie hätten nicht genug gelitten.

Viele Opfer richten ihre Wut gegen die Organisation, die ihnen das Geld verweigert. In den Büros der Jewish Claims Conference in der 26. Straße in New York stapeln sich Formulare, in denen Holocaust-Opfer Renten aus deutschen Kassen beantragen und ihren Leidensweg beschreiben. Aber auch bittere Briefe landen auf den Schreibtischen der JCC-Sachbearbeiter.