Jekaterinburg Nein, hier ist Rußland weder auftrumpfend noch demütig. Hier, zwei Flugstunden und zwei Zeitzonen von Moskau entfernt, werden weder Luftschlösser noch Glaspaläste gebaut. Und wenn die Luft in den letzten Jahren sauberer geworden ist in und um Jekaterinburg, dann liegt es daran, daß die einst alles dominierende Rüstungs- und Schwerindustrie nicht mehr so viel Ruß und Abgase in die Atmosphäre schickt: Die Aufträge bleiben aus.

Könnte aus dem Ural womöglich die Erneuerung Rußlands kommen?

Gewiß, vieles erinnert noch an die alte Sowjetunion. Noch immer steht Lenin dunkel und mit fordernd ausgestrecktem Zeigefinger auf dem weiten Platz inmitten der Millionenstadt. Auch die Panzerschmiede Uralmasch vor den Toren Jekaterinburgs steht noch, ein Koloß der Schwerindustrie. Aber drinnen in den dunklen, riesigen Hallen stehen die meisten Walzen und Schmelzanlagen still.

Ein paar vergilbte Spruchbänder mahnen zu sorgfältiger Arbeit, die Glasvitrine, in der einst die Prawda aushing, ist leer. Ein kleiner Hund sucht Anschluß bei den wenigen Menschen, die noch in dieser industriellen Öde zu finden sind.

Im "Haus der Offiziere", dem Militärkasino der Stadt, hängen die Heldenbilder aus vergangenen Zeiten weiterhin an den Wänden. Im Hof des Hauses kann man die Relikte der Roten Armee betrachten: ein paar ausrangierte Jets, zwei alte Panzer, eine Feldhaubitze - sie sind seinerzeit hier zum Ruhme imperialer Macht deponiert worden, inzwischen hat der Rost dominiert, gelber Löwenzahn wuchert dazwischen.

Aber auch das Neue ist in Jekaterinburg unübersehbar. Nicht nur in der grellen Bemalung der Straßenbahnen - rot für Coca-Cola, blau für Samsung Electronics - oder in den glitzernden Verkaufskiosken, den Pionieren der russischen Marktwirtschaft. In der Nähe der Universität ein Denkmal jüngeren Datums: zehn hoch aufragende Eisenstelen, wie die Gerippe eines Wracks sie erinnern an den Afghanistan-Krieg und die jungen Männer, die dort ihren Tod fanden. Wladimir Bykoradow, selbst Leutnant der Reserve und heute Leiter des kleinen Museums der Jugend an der Karl-Liebknecht-Straße, hat der Unmenschlichkeit dieses und aller Kriege den Keller des Hauses geweiht: Photos von blutjungen Gesichtern unter den steifen Uniformmützen, daneben der letzte Brief an die Mutter zu Hause, das Beileidsschreiben der örtlichen Militärbehörde. Lauter verlorene Leben.

Und auch das steht für das Neue: Etwa zehn Kilometer westlich von Jekaterinburg erhebt sich aus den grünen Birken rechts der Autobahn ein großes schwarzes Kreuz. 250 000 Menschen sollen an dieser Stelle erschossen und verscharrt worden sein, die meisten 1938 bei Stalins großer "Säuberung".