Die Gurke an sich, so lernt der Besucher, ist ziemlich uninteressant.

Erst blühender Dill, Pfeffer, Majoran, Bohnenkraut, Weinblätter, Senfkörner geben dem krummen Ding seinen unverwechselbaren Charakter. Gut 150 Rezepte sind im Spreewald bekannt, jeder Bauer hütet sein ganz persönliches Rezept.

Besonders beliebt ist die Knoblauchgurke: mit Biß und einem diskreten Hauch der Zehe, die eigentlich keiner riechen mag. Direkt vom Kahn aus kann man diverse Varianten probieren, wenn man nach Lehde gerät - im wohl einzigen Gurkenmuseum auf der Welt.

Nach Lehde im Spreewald kommen die meisten Besucher im Kahn, und sie kommen in Massen. Im benachbarten Lübbenau warten die flachen Boote, mit langen Stangen werden die Fahrgäste durch die schier endlosen Fließe gestakt. Wer Glück hat, fährt an Eisvögeln, Wildschweinen oder Rotwild vorbei. Doch die Wahrscheinlichkeit ist gering, daß die Tiere ausgerechnet auf die schnatternden Gruppen in ihren obskuren Gefährten warten.

Die Gurken von Lehde dagegen sind einem sicher, dank dem Gastwirt Karl-Heinz Starick. Dem alteingesessenen Lehdscher genügte es nicht, vor ein paar Jahren die "Quappenschänke" direkt an der Dolzke zu pachten, einem der zahllosen Arme der Spree. Er wollte seinen Gästen auch zeigen, wovon die Menschen im Spreewald früher lebten - eben von der Gurke. Das schmucke Gasthaus war schließlich einmal eine Sauerkrauthalle, die alte Gurkenhalle stand direkt daneben. Erst sammelte Starick Fässer aller Größen aus dem vergangenen Jahrhundert, dann ging er auf die Suche nach Rezepturen. Seit dem Sommer 1996 sieht es in der scheunenähnlichen Halle wieder so aus wie vor siebzig, achtzig Jahren.

Noch ein paar Jahre früher hatte auch ein gewisser Theodor Fontane auf seinen Wanderungen durch Brandenburg das "Vaterland der sauren Gurken" entdeckt.

Lange ließ er sich jedes Jahr ein Faß Gurken nach Berlin schicken - aus einer der vier Lehder Gurkeneinlegereien. Das Gemüse wurde mit dem Kahn angeliefert, Hauptumschlagplatz für Rohstoff und Endprodukt war der Markt im nahen Lübbenau. Dort verkaufte in den dreißiger Jahren zum Beispiel der Kaufmann Walter Wernicke die "schmackhafte Lübbenauer Dill-Gurke" für zehn Pfennig das Stück an die Laufkundschaft.