Die Cartuja ist ein Haufen Schrott." Andalusier neigen zum Übertreiben, andalusische Taxifahrer besonders. Aber in dieser Übertreibung steckt ein Stück Wahrheit. Auf der Insel Cartuja feierte Sevilla, die Hauptstadt Andalusiens, 1992 ihre Weltausstellung. Das ist lange her. Heute wirkt die Cartuja wie ein längst verlassenes Filmset, auf dem ein paar Kulissen vergessen worden sind. Zwischen futuristischen Bürogebäuden macht sich Brachland breit jedes zweite Grundstück ist unbebaut. Putz bröckelt, Metall korrodiert, Holz fault. Auf den breiten Bürgersteigen sprießt Unkraut, Menschen sind nur selten zu sehen. Hier sollte die Keimzelle eines südeuropäischen Kalifornien entstehen. Was blieb, ist der Schatten vergangener Pracht.

In Lissabon, nur 300 Kilometer von Sevilla entfernt, gießt es in Strömen. Das Taxi holpert über uraltes Kopfsteinpflaster. Kilometer um Kilometer geht es vorbei an heruntergekommenen Lagerhallen, Werkstätten und Hafenkränen entlang des Tejo-Ufer. Endlich kommt die Baustelle in Sicht, auf der 1998 die nächste Weltausstellung erblühen soll. Ein Turm ragt schon fertig in den grauen Himmel: ein Überbleibsel der alten Raffinerie, zur Besucherplattform mit Fahrstuhl umgebaut. Lissabons neues Fortschrittssymbol.

Die Lissaboner Expo, auf die zwei Jahre später dann die Hannoveraner folgt, wird die letzte sein, deren Jahreszahl mit einer 1 beginnt. "Die letzte Weltausstellung dieses Jahrtausends", sagt die Werbung. Am 22. Mai 1998 soll es losgehen, 500 Jahre nach Aufbruch des portugiesischen Seefahrers Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien fand. Thema der Weltausstellung: "Die Ozeane, Erbe für die Zukunft". Schon die Sevillaner Expo hatte an einen berühmten Seefahrer erinnert: Kolumbus, der 1492 - ohne es zu ahnen - zu seiner ersten Amerikafahrt gestartet war. "Sevilla hat eine wundervolle Weltausstellung gemacht", lobt JoÆo Paulo Velez von der Lissaboner Expo-Gesellschaft Parque Expo 98. "Der Fehler war, hinterher das urbane Erbe nicht genügend zu nutzen." Lissabon verspricht, im nächsten Jahr eine ebenso bemerkenswerte Weltausstellung wie Sevilla auf die Beine zu stellen - ohne deren Fehler zu wiederholen. Hannover könnte von beiden lernen.

In Sevilla sollte 1993 noch in diesem schon das nächste Jahrhundert beginnen.

Auf der einen Seite des Guadalquivirs das Viertel La Macarena, wo Sevilla ganz Sevilla ist, mit engen Gassen, kleinen Läden und dem Gewimmel einer großen Kleinstadt. Elegante Brückenschläge führten hinüber auf das andere Flußufer, hinüber auf die Insel Cartuja, hinüber in eine neue Zeit. "Die Expo 92 war von Beginn an darauf ausgerichtet, einen Nachfolgeeffekt für die Modernisierung der sozioproduktiven Strukturen Andalusiens zu haben", steht in schönster Technokratenpoesie im Prospekt der Expo-Nachfolgegesellschaft Cartuja 93.

Die Insel erhielt eine moderne Infrastruktur inklusive Glasfaserkabel und einem Plan: Ein Wissenschafts- und Technologiepark solle hier entstehen, Tecnópolis genannt. Nur das Feinste vom Feinen werde sich hier ansiedeln und dem Namen Sevillas einen ganz neuen Klang in der Welt verleihen. Einzig Forschung und Entwicklung wurden auf der Cartuja erlaubt, keine Serienproduktion, kein Handel. Doch nur wenige Firmen haben bisher den Weg nach Tecnópolis gefunden. "Einen Technologiepark mit 5000 Leuten in weißem Kittel, das gibt's wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht", sagt José Luis Rodrøguez Ramos, Siemens-Chef in Sevilla. Siemens hatte sich zur Expo einen eigenen Pavillon gebaut, den das Unternehmen weiter nutzt. "Hochöfen oder ein Sägewerk gehören hier nicht gerade her - aber warum nicht auch eine saubere Produktion?" fragt sich der Siemens-Chef.

Juan Antonio Barragán von der Expo-Nachfolgegesellschaft Cartuja 93 hält dagegen. "Der Erfolg eines Technologieparks läßt sich nicht in weniger zehn als Jahren abschätzen", behauptet er. Dann fällt dem Zukunftsmanager ein verblüffendes Bild ein: "Wir sind wie ein Angler, der an einer guten Stelle des Flusses steht, die beste Angelrute dabei hat, die resistenteste Schnur, die leckersten Köder, und zu fischen anfängt. Das bedeutet noch nicht, daß auch gleich einer anbeißt."