Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt die Tagesordnung einer Kultusministerkonferenz wie ein Kompendium, gefüllt mit nur schwer nachvollziehbaren Verwaltungsskurrilitäten.Als KMK-Neuling schwankt man zwischen borniertem Naserümpfen und erstarrtem Erstaunen über manch einen exotischen Vorgang. Zugegeben, im ausgehenden 20.Jahrhundert kann man sich manches, was in der KMK und ihren zahllosen Ausschüssen oft Wochen und Monate lang vorbereitet, modifiziert, beraten und abgestimmt wird, effizienter und ergebnisorientierter vorstellen. Trotzdem, wenn es sie nicht gäbe, müßte man diese Ministerrunde erfinden. Allerdings lassen sich die Entscheidungsprozesse in der KMK deutlich verbessern.Ich wünsche mir schlankere Verfahren, mehr Toleranz bei der Anerkennung von Abschlüssen, weniger Untergremien, damit sich die Ministerinnen und Minister auf die eigentlichen politischen Grundsätze besinnen können.Nur so wird es uns gelingen, administrative Prozesse durch den so wichtigen föderalen Dialog zu ersetzen. In Zeiten, da sich - zu Recht - allgemeines und tiefsitzendes Mißtrauen gegen zentralstaatliches Handeln breitmacht, ist die KMK der Garant dafür, daß wir bei einem Höchstmaß an regionaler kultureller Identität in der größer gewordenen Republik das zwingend erforderliche Mindestmaß an Gleichwertigkeit und Vergleichbarkeit der Bildungswege und Abschlüsse garantieren. Das geeinte Deutschland, die Europäische Union: Wenn wir wollen, daß die Menschen die größer werdenden Einheiten akzeptieren, ohne sich durch die Ferne der Entscheidungsprozesse verunsichern zu lassen, müssen wir regionale kulturelle Verantwortung stärken. Oder, ganz praktisch: Was soll durch einen Bundeserziehungsminister eigentlich besser werden?In Bonn, später in Berlin, würden dann Fragen wie Schnee- und Hitzefrei, würden Bildungsgänge und die damit verbundenen Abschlüsse zentral geregelt.Bevor eine solche bundesweite Kulturbürokratie mit ihrem vielschichtigen nachgeordneten Apparat einen Bildungsgang an die Bedürfnisse der Zeit angepaßt hätte, wäre vor Ort bereits der Anlaß für die nächste Änderung entstanden. Bestes Beispiel dafür ist die Rechtschreibreform, der aktuelle Anlaß für die ZEIT-Forderung nach Abschaffung der KMK.Man stelle sich nur vor: Der Deutsche Bundestag debattiert 52 Kommaregeln, wie immer schnell und ergebnisorientiert.Es entsteht ein Rechtschreibgesetz mit dem klaren Gesetzesbefehl "Schreibt alle immer richtig" das Nähere regelt eine Rechtsverordnung, die der Bundeserziehungsminister mit Zustimmung des Bundestagsausschusses für die rechte Schreibung erläßt.Das Szenario erzeugt S chüttelfrost: Ein Bundesaufsichtsamt für das Rechtschreibwesen mit einem feingliedrigen nachgeordneten Instanzenzug wäre die notwendige Folge.Der Frage, ob dann etwa Druckfehler in Zeitungen bußgeldpflichtig werden, will ich hier nicht weiter nachge hen. Man kann zur Rechtschreibreform stehen, wie man will.Aber wenn es dann soweit kommt, sage bitte hinterher keiner, es habe keine Alternative gegeben. Wo wir die KMK doch schon haben ... Die größte Schwäche der KMK ist auch ihr größter Vorzug: das Einstimmigkeitsprinzip.Dies macht die Abstimmungsprozesse zäh und langwierig, aber es garantiert auch - fast immer - den breiten gesellschaftlichen Konsens, der in Fragen von Bildung und Erziehung zu den besten kulturellen Traditionen der Bundesrepublik Deutschland zählt.Das müssen nicht die schlechtesten Vereinbarungen sein, denen ein CSU-Kultusminister ebenso zustimmen kann wie seine aufgeklärte CDU-Kollegin oder das Mitglied ein es rotgrünen Kabinetts. Sie sind auf jeden Fall besser als das oft atemlos zustande gekommene Produkt einer Bundestagsmehrheit, die zudem noch im Vierjahresrhythmus wechselt.Man stelle sich einen Bundeserziehungsminister vor aus der Partei mit den drei Punkten, der mit Blick auf die eigene Klientel mal eben die vollständige Lehrmittelfreiheit nur für Kinder von Selbständigen und Beamten fordert.Eine satirische Überzeichnung?Wer alle Facetten der Diskussion über die Steuer- und Gesundheitsreform verfolgt hat, we iß, daß ich nicht übertreibe. Nein, die Bonner, bald die Berliner Politiker der Bundesregierung sollen sich auf die Reformen beschränken, die sie etwas angehen.Damit scheinen sie mir beschäftigt genug - vielleicht wird ja mal eine was. Wir haben eine Reform geschafft, der zahlreiche Wissenschaftler, sechzehn Kultusminister, sechzehn Ministerpräsidenten, ein Bundeskanzler und ein Bundeskabinett zugestimmt haben - auch wenn der eine oder andere das mittlerweile erfolgreich verdrängt haben mag.Vielleicht ist das ja der tiefere Grund für den sehr deutschen, sehr sommerlichen Bonner Populismus, den wir während der vergangenen Wochen erlebt haben: Wenn die eigenen Reformsandburgen ständig zerfließen, nehmen wir unser Schippchen und patschen auf die der anderen.Oder haben Hermann Otto Solms und Jürgen Rüttgers auch ernsthafte Motive?Die Sorge um das deutsche Kulturgut wird sich doch nicht wirklich an den Unterschieden zwischen Duden und Bertelsmann festmachen. Mußten doch alle Bonner Besorgnisträger schon immer damit leben, daß sie mal halb rechts, mal halbrechts standen, je nachdem ob man sich am Duden oder an Knaurs Wörterbuch orientierte.Fest steht nach der Reform auf jeden Fall: Manches von dem, was da geäußert wird, ist in jedem Falle halb gar (Duden 1996). Nicht alles, was und, vor allen Dingen, wie die KMK entscheidet, ist immer auch eine Werbung für den Kulturföderalismus.Doch der Grundgedanke "regele alles, wenn es überhaupt zu regeln ist, möglichst nahe bei den Menschen" ist richtig und hat Konjunktur.Das Nachbarland Frankreich mit seiner jahrhundertelangen zentralistischen Kultur stärkt derzeit die Regionen - gerade auch im Bildungs- und Kulturbereich.Heute ist man westlich des Rheins stolz darauf, in den Regionalräten mehr ents cheiden zu dürfen als bloß die Frage, welche Farben das jeweilige regionale Logo zieren.Ähnliche Entwicklungen gibt es in Italien, Spanien und anderen europäischen Ländern. Das ist das Konzept für das 21.Jahrhundert: Europa wächst zusammen und stärkt die Regionen.Geben wir es in der Bundesrepublik Deutschland nicht leichtfertig auf, nur weil der ZEIT-Geist gerade mal danach ist. Pro und Contra KMK Abschaffen wollte Sabine Etzold in der ZEIT (8.August, Seite 29) die Konferenz der Kultusminister, kurz KMK genannt.Bei den bitter notwendigen anstehenden Bildungsreformen störe dieser Kreis nur: Er sei, gegründet im Februar 1948, zwar älter als diese Republik , habe sich aber überlebt. War die KMK ihren Gegner einst zu zerstritten, um das Bildungswesen wirksam zu verbessern, so liefere heute ihre Langeweile den Ansatz für Kritik.Vor und über die KMK gehöre, schrieb unsere Redakteurin, ein mächtiges Bundesbildungsministerium.Denn nur so könnten die Herausforderungen dieser Tage, wie Studiengebühren oder Lehererausbildung, bewältigt werden. Hier folgt nun eine Antwort aus dem Kreis der Kultusminister.