Wissenschaft ist, wenn man mit Geisterschaaren kämpft und die Lebenden betrachtet, als ob sie Geister wären", schreibt Aby Warburg Mitte Dezember 1890 an eine Freundin. Er ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und arbeitet in Straßburg an seiner Dissertation. Es ist eine Untersuchung über Botticellis "Geburt der Venus" und "Frühling". Aber erst der Untertitel der drei Jahre später im Druck erschienenen Arbeit zeigt, worum es geht: "Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der Antike in der italienischen Frührenaissance". Warburgs "Schüler" und Biographen Fritz Saxl und Ernst Gombrich haben diesen in "Winckelmann-Quart" erscheinenden dünnen Band als ein Forschungsprogramm in nuce bezeichnet. Nahezu alle Themen, die Warburg später beschäftigen und die Forschungsorientierung der nach ihm benannten "Schule" in Hamburg und London bestimmen sollten, seien hier bereits angesprochen: die Behandlung der Antike als einer Seelenbewegerin der Renaissance, die strenge Analyse von bis dahin weitgehend unbeachteten Details wie nymphenhaft flatternden Haaren und bewegten, sich bauschenden Gewändern, die Analogisierung von Bildern und Texten bis hin zur Verbildlichung der Texte und des Le sens der Bilder als Text, die Beziehung ebendieser Bilder und Texte wiederum zu den "lebenden Bildern" der großen Feste und Prozessionen der Renaissancegesellschaften, kurz - die Einbettung des untersuchten Gegenstandes in ein weitgespanntes Bez iehungsnetz von Assoziationen, Analogien und scheinbar entfernt liegenden Tatsachen. Es sind bekanntlich dies zugleich die methodischen Vorzüge und Eigenheiten Warburgs, die zu seiner eigenen Renaissance just in jener nun allmählich schon verbleichenden Epoche der Wissenschaftsgeschichte führten, die sich der Herrschaft des "Diskurses" verschrieben hatte.

Enthält somit die Jugendarbeit nahezu alles, was den späteren Forscher, Büchersammler, Wissenschaftsorganisator und Anreger Warburg ausmachen sollte, so gilt dies in bestimmten Grenzen auch von seiner Jugend selbst, die gleichsam leitmotivisch die späteren Krisen und Erschütterungen andeutet. So wenigstens will es die vorliegende kleine Studie sehen, die der Bonner Renaissance- und Wissenschaftstheoretiker Bernd Roeck in einem sorgfältig und liebevoll gestalteten Bändchen vorlegt. Dabei erscheint ihm aber diese gleichsam mit Bedeutung aufgeladene Jugend eines merk- und denkwürdigen Wissenschaftlers keineswegs als ein pathologisches Laboratorium, dem der auf Rationalität fixierte Intellekt Warburgs wie aus einem dämonologischen oder nietzscheschen Säurebad entsteigt, sondern als Spiegel einer krisenhaften Epoche.

Es sind die Stationen oder auch Rollen des Schülers, Studenten, Soldaten, scheiternden Habilitanten und vor allem und immer wieder hanseatischen Kaufmannssohns und Juden, denen Roeck nachspürt und an denen er "Zeitgeist" fixiert. So läßt er den Leser teilhaben am quälenden Prozeß der allmählichen, aber stetigen Abnabelung Warburgs von den religiösen und familiären Wurzeln seiner jüdischen Identität, die er einerseits zu bewahren, aber zugleich in die eines christlich empfindenden "Normalbürgers" zu transformieren sucht.

Gegenüber dem allmählich gereizt und vulgär zutage tretenden Antisemitismus der Wilhelminischen Gesellschaft helfen oft nur noch Sätze wie dieser: "Dürfen wir nicht glücklich sein, Hamburger zu sein?" Denn weder die vermeintliche Rationalität des Universitätsdiskurses noch die scheinbar objektive hierarchische Ordnung des Kasernentons bewahrten den Studenten und Unteroffizier Warburg vor antisemitischen Affronts.

Die heiteren, schönen und zufriedenen Seiten dieser Jugend vermag Roeck daher mit viel Gespür für den Zusammenhang von seelischer und gesellschaftlicher Disposition in jenen Lebenslagen auszumachen, die von dominanten Ablenkungen einseitig bestimmt sind: den Bonner Studentenvergnügungen, aber auch dem Erlebnis bedeutender und anregender Universitätslehrer wie Lamprecht und Usener in Bonn, des Doktorvaters Jantitschek in Straßburg und des "schrulligen" Schmarsow im florentinischen Wintersemeste r 1888/89. An allen diesen Orten bietet das kleine anregende Buch zugleich Wissenschaftsgeschichte par excellence - die Bonner Universitätsmentalität der achtziger Jahre zwischen Lamprechts integraler Kulturgeschichte und Justis klassischem Historismus, den Ursprung des Deutschen Kunsthistorischen Instituts in Florenz, den Paradigmenwechsel der Kunstgeschichte von der Ästhetik zur Sozialgeschichte der Auftraggeber, die Universität Straßburg im Widerstreit zwischen politischer Funktion als "Bollwerk d es deutschen Geistes" und positivistischer Nüchternheit der sie dominierenden Methoden.

Daß auch das Militär Warburg grosso modo seelische Ruhepausen gönnt, verschweigt das Büchlein nicht. "Auf Dauer wird man beim Militär ein gesundes, faules Schwein", schreibt er selbst zum Abschluß seiner Dienstzeit (1893) nach Hause - mit leicht wehmütiger Ironie à la Burckhardt, die ahnen läßt, daß der Abschied aus dieser festgefügten und mit einem gewissen Erfolg absolvierten Ordnung nicht leichtfiel. Die Beförderung zum Unteroffizier empfand Warburg durchaus als einen Schritt weiter zur Integration. - So erweist sich das Problem der seelischen Gesundheit Warburgs, das Ernst Gombrich in seiner großen Biographie des Gelehrten im Zusammenhang zur "intellektuellen Geschichte", also vor allem "von innen" her, gedeutet hat, in der Darstellung Roecks auch als Teil der Krisengeschichte der deutschen Gesellschaft. Als Warburgs seelische Gesundheit im Oktober 1918 endgültig zusammbrach, legte er unbewußt dafür Zeugnis ab.

Bernd Roeck: Der junge Aby Warburg C. H. Beck Verlag, München 1997 120 S., Abb., 24,- DM