Kennengelernt hatten sie sich, standesgemäß, auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig im Februar 1863. Immer wieder forderte der Drechslergeselle August Bebel die Arbeiterin Julie Otto zum Tanze auf. Geheiratet wurde drei Jahre später, im April 1866, in der Thomaskirche, nachdem Bebel das Leipziger Bürgerrecht erworben und eine eigene Drechslerwerkstatt eröffnet hatte. Die Ehe wurde glücklich und blieb es über vier Jahrzehnte. 1910 starb Julie, drei Jahre vor ihrem Mann. Bebel hat ihr in seinen Erinnerungen mit warmen Worten gedankt: "Eine liebevollere, hingebendere, allezeit opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können."

Daß Julie Bebel weit mehr war als die sich aufopfernde Frau des legendären Mitbegründers und langjährigen Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie, das belegen die "Briefe einer Ehe", die Ursula Herrmann nun in einer sorgfältig edierten und sachkundig kommentierten Ausgabe herausgegeben hat.

Sensationelle Enthüllungen, gar intime Bekenntnisse darf man sich davon nicht versprechen. Dazu war die Beziehung der beiden zu temperiert, geprägt von den praktischen Notwendigkeiten des Alltags. Dazu stand vor allem das Private zu sehr im Schatten der großen, gemeinsamen politischen Sache: die Emanzipation der arbeitenden Klasse und der Kampf gegen den repressiven Bismarck-Staat.

Manchmal konnte es passieren, daß Bebel sich im Eifer des Gefechts ganz vergaß und einen Brief an seine Frau mit dem förmlichen Gruß "Dein August Bebel" abschloß.

Der größte Teil der insgesamt 168 Briefe stammt aus der Zeit des Sozialistengesetzes von 1878 bis 1890. Hier erfährt man recht unmittelbar, welch unerhörte Belastung diese Periode der Verfolgungen für die Eheleute - und ihre zarte, stets kränkelnde Tochter, das "Friedchen" - bedeutete. Bebel wird auf Schritt und Tritt bespitzelt, zeitweilig hat er gleich mehrere Prozesse am Hals, und immer steht er mit einem Bein im Gefängnis. Nach seiner "Ausweisung" aus Leipzig 1881 muß die Familie für mehrere Jahre getrennt leben, und noch 1886, am Ende der Bismarck-Ära, wird der inzwischen zum unbestrittenen Parteiführer emporgewachsene 46jährige Sozialdemokrat zu einer neunmonatigen Gefängnishaft verurteilt.

Bewundernswert, mit welchem Gleichmut Bebel alle Schikanen erträgt, wie er Niederlagen scheinbar ungerührt wegsteckt und noch die Kraft findet, seine Familie aufzurichten: "Also haltet den Kopf oben, trotz alledem und alledem." Hinter dem unverwüstlichen Optimismus stand die beflügelnde Gewißheit der frühen sozialdemokratischen Bewegung, mit dem historischen Fortschritt im Bunde zu sein und deshalb am Ende doch über den bürgerlichen Klassenstaat zu triumphieren: "Der Tag kommt, wo wir als Sieger in der Bresche stehen."

Manchmal, wenn es allzu schlimm wird, übermannt auch Bebel der Zorn. Dann klagt er über den "Zustand der vollkommensten Rechtsunsicherheit", über das "politische Eunuchentum" des liberalen Bürgertums, dessen "jammervolle Haltung" die Sozialistenverfolgung überhaupt erst ermöglicht, über die Willkür der Richter, Bismarcks willfährige Vollstrecker: Sie "verdienen, gehängt zu werden". Einmal, im Februar 1887, entringt sich dem im Zwickauer Gefängnis Einsitzenden der Stoßseufzer: "O Deutschland! Du Nationalzuchthaus!"