Der Wanderer, der sich in diesen Sommertagen müde von den Strapazen des beschwerlichen Aufstiegs neben dem Gipfelkreuz des Großen Priel auf einen Stein niedersetzt, das Gipfelbuch aus dem eisernen Verschlag nimmt und darin blättert, wird unter dem 19. August 1997 einen Eintrag finden, der verwundert. "It looks very strange and beautiful", steht auf einer Seite, "seltsam und schön" sei der Ausblick vom höchsten Gipfel in Oberösterreich.

Dann folgen viele Namen wie Masusu Munkuli, Siankwasya Munsaka oder Madaba Muzamba.

Noch seltsamer als der Ausblick aber war am 19. August der Anblick des Gipfels selbst: Siebzehn Schwarzafrikaner standen frierend in den Wolken und bliesen in die mitgebrachten Antilopenhörner das Ngoma Buntibe - eine für mitteleuropäische Ohren äußerst merkwürdige Melodie. Kunst am Berg. Und vielleicht das verrückteste Alpenspektakel dieses Jahres: Noch nie hatten diese Afrikaner in ihrem Leben ihr Siedlungsgebiet in Simbabwe verlassen, und nun standen sie zitternd und erschöpft auf dem Großen Priel. Wer hatte sie das geheißen?

Gotthard Wagner spielt die Geige. In den Wirtshäusern zwischen Linz und Liezen sind er und seine Mitspieler, die Urfahraner Aufgeiger, wohlbekannt.

Vor drei Jahren war Wagner, der auch den Multikultiverein Sunnseitn mitgegründet hat, in Simbabwe. Als dort im trockenen Hügelland von Siachlyaba die Tonga-Musiker die Trommel schlugen, die Hörner bliesen und sich in den Hüften wiegten, spürte der Oberösterreicher: "Das ist Blues, das ist gelebte Kunst." Wagner lud die Tonga-Musiker nach Europa ein. Das Festival der Regionen, dieses Jahr zum drittenmal in Oberösterreich veranstaltet, bot dazu den Rahmen. Titel der insgesamt 25 Projekte: "Entdeckungsreisen zu Alltagswundern".

Wenn in Hinterstoder nicht gerade ein Ski-Weltcup-Rennen ist, ist nur Hinterstoder und sonst nichts. Das Tal ist ein Sacktal, weiß leuchten auch im Sommer noch die Schneefelder von den Bergen, und schwarz ist hier nur die Politik: gut konservativ. Als darum an einem Samstag im August ein Bus mit "echten Negern" (wie die Hinterstoderer, gar nicht böse gemeint, zu den Afrikanern sagen) auf dem Dorfplatz hielt, waren zur Begrüßung neben einer großen Zahl von Dorfbewohnern auch die örtliche Blaskapelle und selbstverständlich der Bürgermeister zur Stelle. Und die wollen also hinauf auf den Priel, fast 2000 Meter über dem Dorf gelegen! "Jesses", entfuhr es da dem einen und "Jetzt guat Nacht" dem anderen. Nicht einmal genügend Handschuhe hatten die Afrikaner dabei und nur so dünne Hemdchen. Noch am selben Tag sammelten die Hinterstoderer warme Kleidung für die merkwürdigen Expeditionäre, und die örtliche Landjugend verteilte zum Abmarsch in die Berge vorsorglich frische Kuhmilch.

Der fast tausend Meter hohe Aufstieg von Hinterstoder zur Priel-Schutzhütte dauert selbst für geübte Bergsteiger mindestens zwei Stunden. Im Siedlungsgebiet der Tonga, einer vegetationsarmen Halbwüste, gibt es allenfalls Hügel, und für Schnee und Eis haben sie bislang kein Wort. "You can touch it, but don't eat it!" (nur berühren, nicht essen!) war darum ein durchaus ernstgemeinter Rat des österreichischen Bergführers, der vorneweg ging. Hinter ihm die schwarze Karawane, dann folgte ein Troß von nahezu hundert unentwegten Kulturtouristen, die sich dieses spektakuläre alpine Ereignis nicht entgehen lassen wollten. So entschwanden sie aus Hinterstoder.