Gut zwanzig Jahre ist es her, daß Josef Kluth seine Heimat verlor. Anfang der siebziger Jahre mußte sein Geburtsort Elfgen dem Braunkohletagebau weichen - als einer der ersten im Abbaugebiet Garzweiler I. In Otzenrath, rund zehn Kilometer weiter westwärts, wähnte sich Kluth vor den Baggern sicher. Er baute sich eine Existenz als Spirituosen- und Süßwarengroßhändler auf vor dreizehn Jahren bezog er mit seiner Familie eine luxuriöse neue Villa.

Nun holen die Bagger Josef Kluth zum zweitenmal in seinem Leben ein. Wie eine Raupe sich durchs Blattwerk frißt, unablässig und unersättlich, haben sie den größten Teil der Landschaft bereits vertilgt, sich Richtung Otzenrath vorgearbeitet und dabei Europas größtes Loch geschaffen, zehn Kilometer lang, drei Kilometer breit und bis zu zweihundert Meter tief.

Im Jahr 2006 wird Garzweiler I vollständig abgebaggert sein. Dann soll Garzweiler II aufgeschlossen werden, ein 48 Quadratkilometer großes Gebiet mit einem Braunkohlevorrat von 1,3 Milliarden Tonnen. Bei einem jährlichen Abbau von 30 bis 40 Millionen Tonnen reicht das bis etwa ins Jahr 2045. Dafür soll ein weiteres Dutzend Dörfer mit knapp 8000 Einwohnern vom Erdboden verschwinden. Und wieder wird Josef Kluths Wohnort als einer der ersten drankommen. Die Bauleitplanung für Neu-Otzenrath, nicht weit von Neu-Garzweiler, ist schon in vollem Gang.

Rund 100 der über 700 Otzenrather Häuser seien bereits an die Betreibergesellschaft Rheinbraun, eine RWE-Tochter, verkauft, berichtet Kluth, der die örtliche Bürgerinitiative gegen den Tagebau anführt. Viele dieser Häuser stehen jetzt leer und gammeln vor sich hin. Auch sonst investiere kaum noch jemand. Kluth: "Hier entwickelt sich nichts mehr." Die meisten Dorfbewohner wünschten sich jetzt nur noch eine schnelle Entscheidung, so oder so. Die andauernde Ungewißheit über ihr Schicksal sei unerträglich geworden und zerre immer mehr an den Nerven.

Das Gezerre hat nun bald ein Ende. Für diesen Herbst wird die Entscheidung des Bergamts in Düren, das dem Wirtschaftsministerium untersteht, über den Rahmenbetriebsplan erwartet. Daß es ihn genehmigen wird, bezweifeln inzwischen nicht mal mehr die Tagebaugegner, nachdem der Landesverfassungsgerichtshof in Münster vor wenigen Monaten die wichtigsten Klagen der Widersacher zurückgewiesen hat.

Im April scheiterten die Grünen mit ihrer Organklage, die sie noch als Oppositionsfraktion in der vergangenen Legislaturperiode eingereicht hatten.

Damit wollten sie feststellen lassen, daß der damalige Umweltminister Klaus Matthiesen ohne gesetzliche Grundlage gehandelt habe, als er den Braunkohleplan im März 1995 genehmigte. Ein so schwerwiegender Eingriff in die Landschaft und in das Schicksal von Menschen hätte durch ein Gesetz abgesichert werden müssen. Die Verfassungsrichter werteten diesen Einwand als unbegründet.