Jetzt reicht's auch Toni. "Am Ende gibt's Tote." In tiefschwarzen Augen glüht der Zorn. "Diese Schweine", flucht er, "wollen meinen Laden übernehmen." Der kumpelige Junggastronom mit dem Gemüt einer Tretmine zupft nervös am Pferdeschwanz, balgt mit dem Pitbullmischling, kommandiert hektisch über Handy. Der Arm liegt in Gips, die Nerven liegen blank. Toni schreit nach dem "Scheißgesetz" und nach "Ordnung".

Mustafa Agrali, den alle Gäste Toni nennen, führt ein beliebtes Musikcafé mit Nachtkonzession. Kürzlich kamen ein paar Typen und provozierten Schlägereien.

Dann bedrohten sie ihn, danach das Barmädchen und zuletzt Tonis kleine Tochter. Toni kennt die Schläger. Es sind Koksal, Öztürk, Sührer. Die Polizei kennt sie auch. Doch die, flucht Toni und wedelt mit Behördenzetteln, habe ihn zur Schiedsfrau geschickt, diese ihn zu den Staatsanwälten, und von denen habe sich niemand zuständig gefühlt. Und dann hat die Kripo ihm gestern nacht noch seine polnische Geliebte aus dem Wagen gefischt und eine ganze Nacht in die Zelle gesteckt. Jetzt sagt selbst Toni, was jedermann in Marxloh sagt: "Hier wird alles kaputtgemacht."

Marxloh, das ist das alte Malocherviertel im Norden Duisburgs, das frühere Hamborn, von dem die Malocher sagen, daß sie dort im Dunkeln nicht mehr über die Straße gehen. Denn dann lungern die "Schwarzköpfe", wie sich die türkischen Jugendlichen selber nennen, in großen Trauben vor den Spielhallen und verschrecken die Passanten. Dann jagen ihre Kadetts über Pflaster und Straßenbahnschienen und schleudern Techno-Bässe gegen die Teestuben, in denen die Alten vor großen Fernsehapparaten stoisch Karten spielen. Dann wird die Nacht zur Rache für den Tag, der bleiern war, ohne Arbeit, ohne Chance, Lebenszeit im Leerlauf.

"Der ist hier durchgeschossen, da konnte ich nicht einmal das Kennzeichen lesen", flucht der im Streifendienst ergraute Polizist Horst Schilenski hilflos einem Golf nach. Doch dann legt der ehemalige Steiger Schilenski im Selbstgespräch beim Beamten Schilenski wieder mal ein Wort für die Halbstarken ein: "Die müssen an die Arbeit. Die wissen einfach nicht, wohin mit ihrer Energie."

Fünfzig Polizisten büffeln in Diusburg auf eigene Kosten Türkisch. Die meisten kommen aus Marxloh. Man versuche immer wieder, alle Vorurteile abzulegen, sagt eine junge Polizistin. "Und dann fallen doch die meisten Einsätze bei Ausländern an." Und ihr Kollege sagt: "Zwei von zehn kommen uns blöd. Und das sind immer dieselben." Verkehrsdelikte, Ladendiebstähle, Familiendramen und Kneipenschlägereien sind ihr täglich Protokoll. "Die schwere Kriminalität haben wir hier gar nicht so", versichert Schilenski. Und die Kriminalitätsstatistik gibt ihm recht.

Marxloh, gewachsen mit Thyssen seit 1871, als die "Gewerkschaft Deutscher Kaiser" die erste Kohle heraufholte und den Stahl schmolz, ist nach hundert Jahren ausgemustert, die alte Arbeiterklasse abgezogen oder deklassiert. Die Namen August Bebel, Karl Marx und Friedrich Engels, die hier auf Straßenschildern konserviert sind, lesen sich heute wie Schriftzeichen einer versunkenen Kultur. Eine neue Zivilisation hat sich über das Viertel gelegt, mit Honigbäckereien, Orientteppichen und Moscheen.