Das Hotel Adlon übernimmt die Vorkämpferschaft für Berlin und Deutschland gegenüber den fabelhaften Luxushotels, mit denen New-York, Paris, London auftrumpfen. Auch auf diesem Gebiet scheuen wir das Ausland nicht mehr. Deutschland wird reich. Ganz Berlin nahm deshalb Anteil an dem Wachsen und Werden des Baues, in erster Linie der Kaiser selbst, der mehrmals tatkräftig eingriff. Er ließ sich die Entwürfe und Modelle in allen Stadien vorlegen, die Fassaden weisen manchen Zug auf, der direkt von ihm stammt. Auch er würdigte und unterstützte die internationale Bedeutung des Unternehmens, es sollte in allem, in Luxus, Komfort, Hygiene das äußerste zeigen, was Deutschland leistet": Mit diesen Sätzen beschrieb, im Stil wilhelminischer Panegyrik, ein Mann namens Anton Jaumann im Januar 1908 in der Zeitschrift Innen-Dekoration Funktion und Struktur jenes ersten Hauses der Nation, das schon dank seiner Lokalität, nah dem Brandenburger Tor, auf eine erlauchte preußisch-deutsche Geschichte verwiese - imperial und dennoch der Schlieffenschen Maxime "Mehr sein als scheinen" folgend. Deshalb, so Jaumann, die Dialektik von "reicher Fülle im Innern und vornehmer Reserve nach außen".

Der Laudator des "Adlon" verstand sein Metier. Er konnte schwärmen, als sei er geradenwegs von Bayreuth nach Berlin geeilt. Die große Halle des Hotels, ließ er wissen, "bestrickt und bezaubert Auge und Sinn, das umrauscht uns wie köstliche Musik". Aber zur gleichen Zeit stellt Jaumann sich als gediegener Sachkenner vor. Das Hotel verstünde es, schon dank der in den Zimmern verwandten Materialien, die Welt staunen zu lassen. Die Hölzer sind "fast durchweg ausländisch": Florida-Cedernholz, gestreiftes Mahagoni mit Rosenholz-Intarsien, ostindisches Satinholz, amerikanischer Nußbaum, schwedische Esche ... Selbst die Gemächer im Souterrain zeugten von erlesenem Geschmack: "Eine Marmortreppe führt in die Tiefe. Die Damen-Frisiersalons sind vorwiegend in Weiß, Zartgrün und Zartgrau gehalten. Die Fußböden der Toiletten zeigen eine neue Art Mosaik in Hartglas. Daß an technischem Raffinement nichts fehlt, ist selbstverständlich." Man sieht: Hier wird Prosa zur Poesie; Materialkunde präsentiert sich im Goldschnitt.

Berlin im "Adlon"-Rausch? - Gemach! Das von Jaumann in entzückter Rede Gepriesene wurde auch in anderen Ländern, selbst in der grundsoliden Schweiz, kaum weniger enthusiastisch beschrieben. "Das Juwel eines vornehmen Hotels ist das Vestibül. Das Juwel eines Vestibüls aber wird beim modernen Hotel einzig und allein durch den Aufzug gebildet": So steht's 1896 in den Mitteilungen der Luzerner Aufzügefabrik Schindler & Co.

Nein, Anton Jaumann stand mit seiner Eloge auf das Interieur des Wunderhotels nicht allein. Aber er hatte auch Widersacher, zumal in Berlin. Neben den Enthusiasten, die sich nicht zuletzt durch das auf Allerhöchst Weisung vorgezogene Portal begeistert zeigten, gab es Warner, bedächtige Leute, die sich zwar der Devise "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit" nicht verschlossen, aber gleichwohl allzu stürmischer Verwandlung - gestern, von Schinkel umgebaut, das noble Redernsche Palais, heute das vierstöckige Luxushotel - mit einer Mischung von Skepsis, verhaltenem Zorn und offen eingestandener Wehmut begegneten. In der Berliner Architekturwelt wurden anno 1909 andere Töne als in der Innen-Dekoration angeschlagen: märkische, wenn man so will, nicht hohenzollernsche. Galoppierend geradezu habe sich, schreibt da Hans Schliepmann, der Wechsel von Alt- zu Neu-Berlin vollzogen; der Profit dominiere, das rasche Geld beherrsche die Szene, und die Menschen kämen darüber zu kurz. In manchen Vierteln der Stadt gewinne der Flaneur den Eindruck, daß Spekulanten den Häusern "wie einem armen hochschießenden Backfisch die Stoßkanten am Röckchen" ein oder zwei Stockwerke angeflickt hätten.

"Überall mehr Gebärde als Sein": Das klingt wie eine Replik auf Jaumanns Preis des "Adlon"-Interieurs. Wo bliebe bei so viel Reichtum und Glanz die bescheidene altpreußische Ästhetik? "Welch Wandel der Bedürfnisse! Graf Rederns Treppe, seine Türen und Wölbungen; dem eindringenden Blick die liebevolle Versenkung in alle Reize der Linie offenbarend, ein stilles, harmonisches Singen in allen Verhältnissen und Formen; jetzt verlangt der maßgebende Hotelbesucher bis in die intimsten Räume eine rauschende Musik von Formen und Farben und kostbaren Materialien; er schläft und frühstückt in Räumen, wie sie Ludwig XV. für sein Lever oder Napoleon für seine politischen Theaterakte brauchte." Fazit: In Berlin dominiere eine "Kultur der Superlative", geprägt von den Potentaten des Reiches, die, anders als ihre Vorgänger, keine Liebhaber einer durch verhaltene Klassik geprägten Schönheit seien, sondern Männer der Macht, die ökonomische Potenz zur Schau stellen wollten.

Man sieht, am Beispiel des "Adlon" schieden sich die Geister - und wenn sich auch niemand zu Wort meldete, der die Uhr zurückdrehen wollte, so gab es doch manche, die den aus vergangener Zeit stammenden Berliner Hotels mit ihrem altmodischen Charme nachtrauerten: den ersten natürlich, unter den in Hinsicht auf die Gewerbesteuer in drei Klassen zerfallenden Gasthöfen der Stadt ... dem kommoden "Hotel de Rome" zum Beispiel oder dem "Hotel de Petersbourg", in dem allmittäglich des Reiches erster Militär zu dinieren pflegte, was übrigens zur Folge hatte, daß der Preis für den Mittagstisch im Abonnement (17 1/2 bis 20 Silbergroschen) "inclusive Moltke" berechnet wurde. Und dann natürlich, Fabelwesen in wilhelminischer Zeit, das "Hotel zum König von Portugal", das Kenner der Baukunst und Literatur als "das Adlon des achtzehnten Jahrhunderts" etikettierten. Hier war am Neujahrstag 1813, beschrieben in Fontanes Roman "Vor dem Sturm", der alte Bernd von Vitzewitz abgestiegen; hier hatte Lessing, den "König von Portugal" kurzweg in einen "König von Spanien" verwandelnd, den Major Tellheim und das Fräulein von Barnhelm zusammengeführt - in jenem Haus, dem ein Patron vorstand, der gute Gründe hatte, wenn er das Signalement seiner Gäste aufs penibelste zu Protokoll nahm: Wirte, Traiteurs und Hoteleigentümer standen zur Zeit Friedrichs des Großen im Dienst der Königlichen Geheimpolizei und wurden für ihre Wachsamkeit durch Zinserlaß und Geschenke belohnt.

Tempi passati: Zwischen dem "König von Portugal", dem "Hotel de Prusse zum fliegenden Roß" oder dem "Hotel de Brandebourg" und dem "Adlon" liegen Welten: im Meublement nicht anders als in den Gästelisten. Botho von Rienäckers Onkel Kurt Anton von Osten (beschrieben in Fontanes Roman "Irrungen, Wirrungen") hätte die wilhelminische Pforte des "Adlon" wahrscheinlich mit dezidierter Mißbilligung angeschaut - und das Vestibül erst recht. Er hielt auf preußische Tradition: "Ich habe mich im Hotel Brandenburg einquartiert", ließ er seinen Neffen wissen, "was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen." Das hieß: nur kein neues Domizil. Charlottenstraße 42, nicht Pariser Platz!