Vor acht Jahren erwarb ich zum Kurs von 130 eine bestimmte Anzahl Aktien der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie. Ein Jahr später standen sie bei 215. Kein schlechtes Geschäft. Um Turbulenzen am Aktienmarkt zu vermeiden, gab ich die Order "halten" und verzichtete auf Gewinnmitnahme.

Hinzu kam, daß das Unternehmen mir gefiel. Wer schreibt seinen Namen so entgegen allen Regeln der Rechtschreibung? Der Vorstand, Wolfgang Neitzel, war ein gemütlicher Diplomkaufmann. Franz Rudolf, groß geworden mit Parkhäusern und auch heute noch in diesem Geschäft, besitzt die Mehrheit der Aktien. Ein freundlicher, seriöser Kaufmann, dem ich blind Frau, Kind und Hund anvertrauen könnte. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats trug damals den heimatlich klingenden, ostpreußischen Namen Geginat (Betonung auf der letzten Silbe!). Heute nimmt seinen Posten ein schwerhöriger älterer Herr aus Kassel wahr. Schließlich kann man die Compagnie von der Bahn aus sehen, linker Hand, vor den Toren Hamburgs in Harburg steht das vertrauenerweckende Gebäude aus rotem Klinker, erbaut im vorigen Jahrhundert.

Als ich in die Compagnie einstieg, grassierte die Angst vor Aids. Doch entgegen meinen Erwartungen war das Unternehmen nicht auf dem Gebiet des Gummischutzes tätig, sondern es stellte und stellt Kämme her. Erstklassige Kämme aus Naturkautschuk, gesägt, bei jedem Frisör, der etwas auf sich hält, liegen sie auf dem Frisiertisch: "Hercules Sägemann" oder "Triumph Master". Neuerdings haben wir gemeinsam mit Wella einen vorzüglichen Dauerwellenkamm entwickelt. Kämme - "Haarkosmetik beginnt beim Kamm" - sind nur ein Teil der Produkte. Wir liefern der Autoindustrie zu, sind im Thermoplastbereich emsig und haben gerade wieder in München ein Patent angemeldet. Alles in allem: Ein Handwerksbetrieb bester Provenienz, wenn das Grundkapital auch nur 6 692 600 Mark beträgt und das Werk schon seit 125 Jahren besteht.

"Wir haben eine Nase für goldene Produkte", hieß es auf der Hauptversammlung im Sommer 1993. Doch da gab es schon keine Dividende mehr, die im Jahr davor noch beachtliche drei Prozent betragen hatte.

Die Nase war offenbar verstopft, der gemütliche Neitzel ging, und an seine Stelle trat der agilere Peter Swinty, der den Laden in die Gänge bringen sollte. Mir war völlig entgangen, daß die Zahlen der Compagnie sich gerötet hatten. Ich war von den übersichtlich gedruckten Geschäftsberichten stets sehr eingenommen und war beeindruckt, daß die Bezüge der Aufsichtsräte und von Herrn Swinty nie heraufgesetzt wurden. Diese preußische Zurückhaltung gefiel mir. Ja, und dann standen meine geliebten teuren Aktien bei 90, sie bliebem im Rückwärtsgang, fielen auf 30 und stehen heute bei 54.

Ich will nicht jammern. Stiege ich jetzt aus und bei Siemens ein, wäre ich dort ein auch mit dem Mikroskop kaum zu erkennendes Nichts. Weder begrüßte mich dort der Vorsitzende noch der Aufsichtsrat mit festem Händedruck. Auch meine Mitaktionäre kennte ich nicht.

Hier kenne ich sie. Ältere Herrschaften der soliden Art, die schon bessere Tage gesehen haben. Die Bankenvertreter sind keine aufgeregten Yuppies mit piepsenden Handys, sondern liebenswerte Beamte, die ihren Mund halten. Gerade wieder, vor vierzehn Tagen, hatten wir unsere Hauptversammlung. Jahr für Jahr am heißesten Tag des Jahres, man kann darauf wetten.