Der deutsche Gesundheitsminister war von Anfang an skeptisch. "Selbst bei gemeinsamen Abwehrmaßnahmen sind nicht alle Risiken mit absoluter Sicherheit auszuschließen", warnte Horst Seehofer, kurz bevor die Brüsseler Kommission im März 1996 ein totales Exportverbot für britisches Rindfleisch verhängte. Auch angesichts der ungeheuren Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung des Rinderwahns BSE, der im Verdacht steht, bei Menschen die tödliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auslösen zu können, blieb der Minister damals vorsichtig: "Es wäre unehrlich, der Bevölkerung zu versprechen, Verbraucherschutz oder Gesundheitspolitik könnte die Risiken auf Null zurückschrauben."

Das war deutlich untertrieben. Wie sich nun beinahe jede Woche aufs neue herausstellt, hat das Ausfuhrverbot für Beef aus dem BSE-Land Großbritannien sein Ziel gründlich verfehlt. Schon nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen sind allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres mindestens 2300 Tonnen Fleisch von britischen Rindern illegal exportiert worden und erhebliche Mengen - zu Würsten und Konserven weiterverarbeitet auch über deutsche Ladentheken gewandert.

Der gutgemeinte Bann des Briten-Beefs wurde zum Bumerang, denn er wirkt auf kriminelle Geschäftemacher wie eine Einladung zum Betrug. Weil das Exportverbot die Preise im Vereinigten Königreich stark unter Druck setzte, winken Gesetzesbrechern saftige Gewinne auf allen Fleischmärkten weltweit. Ein paar gefälschte Stempel, Veterinärbescheinigungen und Frachtbriefe reichen ihnen, die wahre Herkunft zu verschleiern. Besonders verhängnisvoll: Wenn sie in Drittländer außerhalb der Europäischen Union geliefert werden, sind für solche Partien auch noch Exportsubventionen aus der Brüsseler Kasse zu kassieren.

Auf diese Weise gleich doppelt verdienen wollte nach Meinung der Hamburger Zollfahndung auch der Fleischhändler Peter G., Geschäftsführer der 1980 gegründeten HFI Hamburger Fleischimport GmbH. Über diese Gesellschaft (Umsatz 1996 rund 21 Millionen Mark) und die im selben Büro in Hamburgs Amüsierviertel St. Pauli sitzende Firma Drehscheibe Fleisch hat G., so der Vorwurf, zwischen Februar und Juli dieses Jahres insgesamt 616 Tonnen britisches Beef eingeführt, das mit Hilfe gefälschter Papiere und Fleischstempel als irische Ware deklariert war. Es handelt sich um tiefgefrorene Bauchlappen, also minderwertige Ware mit einem Wert von rund drei Mark pro Kilogramm.

Wie die Zollfahnder nach einer Durchsuchung der HFI-Geschäftsräume ermittelten, gingen 440 Tonnen direkt weiter Richtung Osteuropa - bei etwa zwei Mark Exportsubventionen pro Kilogramm ergeben sich schon daraus rund 900 000 Mark auf der Habenseite dieses Geschäfts. 60 Tonnen, von denen 53 Tonnen bereits verwurstet waren, beschlagnahmten die Zöllner am 14. August in einem Kaltenkirchener Kühlhaus.

Weil das Hamburger Zollfahndungsamt tags darauf sein 75jähriges Bestehen feierte und über die spektakuläre Aktion geplaudert wurde, kam der größte BSE-Skandal hierzulande schneller ans Tageslicht als geplant. Die Suche nach dem Verbleib der restlichen 116 Tonnen, von der HFI in Bochum zwischengelagert und von dort an vier Abnehmer in Sachsen, Niedersachsen und Bayern weiterverkauft, hielt deshalb die halbe Republik in Atem und sorgte für heftigen Streit zwischen den beteiligten Ländern. Manche Veterinärbehörde erfuhr aus der Zeitung schneller, was los war, als auf den offiziellen Kanälen.