Seit Dezember 1996 gibt es einen neuen, amerikanischen "Lolita"-Film, und es gibt ihn doch nicht. In einigen europäischen Ländern zwar haben sich inzwischen Verleiher gefunden, die ihn in die Kinos bringen wollen: in Italien im September, in Spanien im Oktober, in Deutschland, England und Frankreich Anfang nächsten Jahres. In den Vereinigten Staaten selbst jedoch ist bisher kein Verleiher in Sicht, und seit die Polizei Anfang Juli in Oklahoma Videokassetten von Volker Schlöndorffs "Blechtrommel"-Film wegen Verstoßes gegen das Kinderpornographiegesetz von 1996 beschlagnahmte, sind die Aussichten, daß er dort je gezeigt werden kann, gegen Null gefallen.

Dabei ist sein Regisseur kein Irgendjemand. Mit seinen sechs früheren Filmen, vor allem mit "Fatal Attraction" von 1987, hat Adrian Lyne Hollywood rund eine Milliarde Dollar verdient. Auch macht es sich zu leicht, wer vor jedem eigenen Augenschein behauptet, der Film habe in Adrian Lyne den falschen Regisseur gehabt und verdiene darum vorn vornherein niemandes Sympathie. Wohl wahr, Lyne hat den seichten Schick des Werbefilms, von dem er herkommt, nie völlig abgestreift und vor elf Jahren mit "9 1/2 Wochen" einen unverblümten Softporno gemacht. Aber er hat 1990 mit "Jacob's Ladder" auch bewiesen, daß er psychische Grenzzustände mit einer beklemmenden Eindringlichkeit darstellen kann, die ihm so leicht keiner nachmacht. Mit seinem "Lolita"-Film gedachte er seinen Ruf als Spezialist für kommerziell hochgestylte Erotik endgültig zu tilgen. Es sieht so aus, als würde er die Gelegenheit nicht erhalten und ihn nur gegen den Ruf eintauschen, der Filmindustrie einen ihrer großen Flops eingebrockt zu haben - etwa im Stile von "Heaven's Gate".

Das September-Heft der amerikanischen Filmzeitschrift Premiere schildert seine immer hoffnungslosere Suche nach einem Verleih. Lyne zu Premiere: "Ich habe haufenweise Briefe von wenigstens zwanzig oder dreißig (Filmbossen und -agenten), die mir erklären, wie umwerfend sie den Film gefunden hätten. Das ist mir noch nie passiert. Sie sagen, sie hätten tagelang über den Film gesprochen, er sei mein bestes Werk - und plötzlich verstummen sie." Vladimir Nabokovs Sohn Dmitri, einer der wenigen Menschen, die den Film gesehen haben, und keiner, der den Exegeten und Verwertern des väterlichen Werks leicht Lob spendete, nannte ihn "überwältigend ... sensibel konzipiert und wunderschön produziert".

Die expliziteste Begründung für die Ablehnung scheint Lyne noch vom Sony-Konzern erhalten zu haben: Im heutigen "politischen Klima" wäre dieser Film kein Geschäft.

Und da beginnt der Fall interessant zu werden. Wie kann es sein, daß ein Film, der künstlerisch bis zum Beweis des Gegenteils zumindest die Unschuldsvermutung für sich hat und dessen kommerziellen Erfolgs alle Beteiligten sicher waren, in Amerika noch vor dem Start fallengelassen wird wie eine heiße Kartoffel und auch anderswo nicht gerade auf freudige Erwartung stößt, ganz anders als Stanley Kubricks "Lolita"-Film im Jahre 1961 Wie kann es sein, im Jahr der schrankenlosen Freiheit 1997, daß auf New Yorker Straßen das im Samisdat-Verfahren vervielfältigte Drehbuch zu dem Film illegal verkauft wird? Und daß dessen geprellter Autor (Stephen Schiff, Redakteur des New Yorker) sich darüber sogar noch freut, weil sein "labor of love" so wenigstens einigen Landsleuten bekannt wird?

An dieser Stelle muß ich eine persönliche Erklärung einschieben. Als alter "Nabokovianer" brauche ich keinen "Lolita"-Film, den von Lyne sowenig wie damals den kühlen, desexualisierten von Kubrick. Nabokovs "Lolita" - gerade nannte sie der New Yorker "die größte aller amerikanischen Liebesgeschichten" - lebt so sehr aus ihrer Sprache, daß sie jeden Versuch der "Verfilmung" von vornherein desavouiert. Kubrick selber sah es ein, ein Vierteljahrhundert später: Der Roman sei einfach zu gut geschrieben für einen Film; "stammte er von einem schlechteren Autor, wäre mein Film vielleicht besser geworden" (in einem Spiegel-Interview mit Hellmuth Karasek). Aber gerade weil die Aufgabe so schwierig, wenn nicht aussichtslos ist, bleibt da ein Kitzel: Ginge es nicht vielleicht doch? Ließe sich der eine oder andere Zug des Romans nicht doch adäquat in das ganz andere Medium Film transponieren? Vladimir Nabokov selber gab diesem Kitzel nach, als er seinen Roman zu einem Drehbuch umschrieb, das Stanley Kubrick dann nicht verwendete.

Es muß von mir aus also nicht sein. Wenn aber das Unmögliche versucht wird, möchte ich es mir ansehen dürfen. Ende der Erklärung.