Zu Oasis fällt mir nichts ein. Könnte man sagen. Wenn sie ihren Rolls Royce nicht gerade im Swimmingpool parken, so wie auf dem Cover der neuen CD "Be here now", setzen sie ihn tolldreist auf die breitesten Spurrinnen, die der Rock-Mainstream gezogen hat, und walzen darauf so selbstsicher und unerschütterlich dahin, als ob sie eine völlig neue Route erkunden würden. Akkorde aus der Gehschule für Gitarrenanfänger, Poltergeister am Schlagzeug und Arrangements aus dem Song-Baumarkt, die man sich zu Hause zusammenbasteln kann. Sonnenbrille, working-class, Koks, zerstörte Hotelzimmer, verprügelte Photographen. Retro-cool zum Gähnen.

Zu Oasis fällt niemandem etwas ein. "Röhrende Gitarren, lärmende Riffs, pfeifende Feedbacks und rauh dahingerotzter Gesang", deklamiert die Süddeutsche in todesmutiger Zitier-Pose. "Subversive Kraft gegen die Lamentos der wig Gestrigen", haut die Frankfurter Rundschau voll daneben, "nicht viel Anlaß zu Euphorie", diagnostiziert der spitzfindige Spiegel, und die Hamburger Morgenpost boulevardisiert: "Ausgetrocknet? Tragisch: Den Britpoppern fällt einfach nichts mehr ein."

Tragisch: Zwölf Millionen verkaufte Einheiten der letzten Oasis-CD zwingen die Kritiker zu Wort, obwohl sie eigentlich gar nichts sagen möchten. Wie soll man ein Nichts beschreiben, dessen Sinn und Zweck nur in seiner Konvertierbarkeit in Geld besteht? Wie eine Musik zu fassen kriegen, die alle Klanglücken mit übereinandergestapelten Gitarrenspuren zukleistert und mit Breitwand-Totalangriff die Restimagination des Hörers aus ihrem Universum scheucht?

Vielleicht mit dummen Fragen. Focus, unschlagbar: "Hatten Sie Angst, der Riesenerfolg ihres letzten Werkes wäre nicht zu toppen?" Noel Gallagher, Songschreiber von Oasis: "Nicht wirklich."

Großbritanniens größte Band: Gefangene der neuen Gefühlsunordnung, Kreuzritter der Plötzlichkeit, aus Prinzip ahistorisch. "Be here now" heißt die neue CD. So tun, als ob alles neu sei, und dabei ruchlos die Archive plündern. Die Texte von Noel Gallagher sind eine Art Wort-Sampling der festvertäuten Phraseologie zwischen Beatles und Dylan: "Blood on the trax", "Fool on the Hill", "Helter Skelter". Lauter kleine Glühwürmchen, die nicht mehr wollen, als die wirklich große Zeit der Popmusik als Hintergrundstrahlung zu aktivieren.

Letzthin waren Oasis bei Blairs zu Gast. Das Gipfeltreffen der zweiten Moderne. Konservativ sein auf nichtkonservative Weise. Selten sind "New Labour"-Werte so schön aufgegangen wie bei den Proletariern aus Manchester, und die CD-Hülle führt die Insignien der Prosperität stolz vor: Landchâteau mit vorgelagerter Parklandschaft, Luxuskarosse und eine Uhr ohne Zeiger: Time is on their side.

Vielleicht hat Tony Blair den Gallagher-Brüdern auch noch ein paar Bonmots mit auf den Weg gegeben, die ihm seinerseits wieder von seinem Hausphilosophen Anthony Giddens souffliert wurden: "Möglicherweise bewegen wir uns längst auf eine Gesellschaft zu, in der Wiederholungen und Rückgriffe an der Tagesordnung sind. Es ist jedenfalls nicht mehr so leicht wie früher, festzustellen, was Fortschritt bedeutet." Dann ertönte probablement die Barocktrompete aus "Penny Lane" von den Beatles, und die Musiker zögen von dannen. Oasis sind die jüngsten Dinosaurier der Rockgeschichte. Und sie sehen so echt aus wie die von Spielberg.