Hast du für diese Scheiße wirklich zweihunderttausend Franc bezahlt?!" Es war der Lacher der Saison: "Kunst", ein Stück über drei Freunde, von denen einer lediglich in eine teure Tat umsetzte, was immer harmloser Konsens schien unter gebildeten Menschen: Moderne Kunst ist schon okay, auch wenn man nicht immer alles versteht. "Weiß. Stell dir ein Ölgemälde von etwa ein Meter sechzig auf ein Meter zwanzig vor ... Weißer Untergrund ... ganz weiß ... zweihunderttausend Franc!"

Es ist nicht nur die Summe, die den besorgten Freund erbittert. Es ist die Hörigkeit, die er beim Käufer vermutet, die jämmerliche Anstrengung, sich in die Klasse der Snobs einzukaufen. Die Teilnahme am rhetorischen Schwurbel der Eingeweihten, die Preisgabe der Innen- und Außenseite der Persönlichkeit, die man Geschmack nennt, die auftrumpfende Geste ins Leere hinein mit diesem weißen leeren Bild an einer weißen Wand, das alles bringt den Freund zur Rage: "Eine einzige Scheiße!" Und das Publikum jubelt wie endlich befreit.

"Das kann meine fünfjährige Tochter auch." - "Wo ist denn da die Aussage, wenn es schon kein Können erfordert?" Man kennt diese Kommentare, die man immer wieder gehört, seltener gelesen, hin und wieder gedacht hat und die sich noch einmal bündeln lassen in die knappe, unduldsame Frage: "Was soll das?" (Oder, bei entspannteren Temperamenten, nur: "Was soll's?") Es ist die Frage eines Publikums, das sein Interesse auf immer härtere Proben gestellt sieht - härter nicht in der Konzentration von Reizen, sondern in dem Verzicht auf eine sinnlich-ästhetische Oberfläche, die das Auge beschäftigt und bannt und womöglich zum Denken führen könnte. So auch auf der diesjährigen documenta: Spuren im Sand im Kreis, "1997, ohne Titel" ... Es ist ja nicht das Unverständnis, das diese erschöpften Gesichter macht - es ist das Gefühl des Zurechtgewiesenseins, das die Expertenkunst vermittelt, das tiefer sich einfräsende Unbehagen der angestrengten Langeweile, die lähmende Empfindung des Widerspruchs, autistischen Gesten beizuwohnen. Wenn es nicht schön ist, nicht beeindruckt und auf Erklärungen verzichtet, was soll dem Objekt dann ein Publikum?

Gleichzeitig in Kassel, aber eben keineswegs Teil des documenta-Programms: Beuys auf Photos. Amateurbildchen, in der Auswahl von intimer Zufälligkeit von Baby Beuys bis Joseph Superstar. Eine Erinnerung daran, was in den siebziger und achtziger Jahren auch Kunst war. Das wildbewegte Gesummse auf der documenta mit Beuys' Honigpumpe: Wie das in allen Gängen und Räumen roch und Aufregung erzeugte, wie völlig fremde Leute sich anschrien vor Rechthaben und Nichtwissen, ob das nun Kunst sei, und die Geduld und Menschenfreundlichkeit des Meisters, wie er Rede und Antwort stand, ein milder, großer Verrückter, der alle in seinen Bann zog. (Heute würde man dazu sagen, was Christo und Jeanne-Claude für ihre Aktionen in Anspruch nehmen: daß das Reden darüber, der Gang von der Idee zur Wirklichkeit, auch über den Rechtsweg, zum Kunstwerk längst schon gehörte.) Dann die Kasseler Eichen-Aktion, der Steinbruch auf dem Platz vor dem Fridericianum dem Beuys im Käfig mit dem Coyoten, schließlich die Rhein-Übersetzung, mit schwarzem Flößerumhang, den Hut tief in die Stirn gezogen, den Stock in der Hand wie im Liede... Es ist die so seltene Gabe, archaische Bilder neu zu erfinden, die Beuys auszeichnet. Denn diese Bilder berühren jeden, sie schlagen sanft den Weg nach innen, wo alle Menschen Augentiere sind, wehrlos, und deshalb zu denken anfangen müßten. Jenseits aller Ideologie entscheidet sich an diesem Punkt, was wir als Kunst begreifen wollen. Wie man an diesen Punkt gerät, mit welchen Mitteln, das ist gleichgültig. Nur Künstler muß man dazu sein.