Von links springen uns Designerstühle an, die sehen aus, als hätten sie die Beine in Gips. Ein Kunstbaum streckt sich zum Dach, darin hängen hölzerne Löffel. Vor uns schreien bunte Marktstände: "Nudeln Sie mit uns!" Im Zentrum des Raumes, den nach oben hin riesige Windmühlenflügel begrenzen, zieht uns ein feierlich geschwungener Niedergang in die Tiefe. Er wird begrenzt von vulkanischem Gestein, über das ein ewig Bächlein tröpfelt. Wer aber den Blick nach rechts wendet, dem rufen Hunderte von knuffeligen Plüschtierchen zu: Nimm mich mit! In der Luft liegt Musik. Und irgendwo juchzen Kinder.

Irritiert blicken wir um uns. Aha, das ist es also, worauf uns ein Hinweis an der Eingangstür vorbereiten wollte - "das besondere Rasterlebnis". Wir befinden uns in der Raststätte Helmstedt Süd an der A 2 Hannover-Berlin. Helmstedt Süd ist eine Raststätte "neuen Typs". Rastkathedralen aus Stahl und Glas wie diese recken sich seit einigen Jahren am Rand der Autobahnen gen Himmel und haben die Bescheidenheit staatlicher Versorgungsbetriebe zur Abdeckung von Grundbedürfnissen gründlich abgelegt. Wer heute noch der Ansicht ist, eine Autobahnraststätte sei vor allem dazu da, den Tank zu füllen und die Blase zu leeren, erlebt hier, wie sehr von gestern er ist.

Prachtvoll schwingt sich die breite Treppe aus Buche und Edelmetall ins Untergeschoß. Nur ein leichter Geruch nach Desinfektionsmitteln beleidigt noch die Nase. Musik überlagert die gröbsten Störgeräusche. Auch das ist neu in einer deutschen Raststätte: Das Klo ist der optische Mittelpunkt. Und schlau ist das: Wer in Helmstedt muß, muß schon sehr charakterstark oder eilig sein, um ungeschoren an den Verlockungen der Kaffeebar und des Shopping-Bereichs vorbeizukommen.

Designer und Architekten haben in den neunziger Jahren eine Lücke ausgemacht. Es gerät nämlich der moderne Erlebnismensch auf längeren langweiligen Autobahnabschnitten immer wieder in schreckliche Erlebnislücken. Diese Lücken werden nun definitiv geschlossen: durch Erlebnisraststätten. "Oh, schick!" sagen die Leute, wenn sie zum ersten Mal eine solche betreten - zum Erlebnispinkeln.

Erlebnisraststätte heißt zwingend auch: Erlebnisgastronomie. In Helmstedt lagern am Rundtresen die Hungrigen um eine Reispfanne und erleben den Koch bei der Zubereitung des Essens. Doch noch viel stärker geht der Trend hin zu einer Form von Selbstbedienung, die als "Marktplatz" bekannt ist. Die Gastrokette Mövenpick hat das allerorten überaus erfolgreich vorgemacht. "Markt" muß heute einfach sein, und wenn auch nur als Zitat ein winziger rot-weiß gestreifter Lappen über der Salatbar weht. Etwa achtzig Prozent der Kunden lassen sich heute nicht mehr bedienen, sondern komponieren ihre Mahlzeit im SB- oder Marktbereich selber. Nicht zuletzt weil sie der unerschütterlichen Meinung sind, das Essen dort sei billiger.

Peter Herrmann, der Baumeister von Helmstedt Süd, ist Bauoberrat beim Staatshochbauamt Braunschweig I und zugleich eine der interessantesten Figuren im Planungsbereich der Raststätten neuen Typs - wenn nicht gar ein Trendsetter. Obwohl er Beamter ist. Die deutsche Raststätte sei in der Vergangenheit "zu Recht verteufelt" worden, meint Herrmann. Die Raststätten der Bundesrepublik waren immer schon Eigentum des Staates und sahen dementsprechend aus. Schlechte Klos, unfreundlicher Service. Bis weit in die Achtziger schoben sich die Kunden am sogenannten Drängelbalken entlang, um Essen zu fassen.

Man speiste in einem Ambiente, das zum Teil schon in den sechziger Jahren als "gemütlich" gegolten hatte: dunkle Holzvertäfelung, Tische und Bänke aus Eichenfurnier mit Resopal, Vorhänge braun-orange, Ölschinken an der Wand. (Wer sich ein wenig in diese Zeiten zurückversetzen möchte, fahre schnell noch einmal, bevor es zu spät ist, zur Raststätte Rhynern-Nord auf der A 2 bei Hamm. Die Gebäude sehen immer noch so aus, wie die Architekten Hitlers sie geplant hatten: monumentaler und bodenständiger Bruchsteinbau, weit über die Zapfanlage kragendes Ziegeldach, alles gemütlichgediegen eingerichtet. Im Foyer des Rasthauses der typische Mischgeruch aus Desinfektionsmitteln und Urin, der von der Toilettenanlage empordringt; feierlich eingedeckte Tische im Restaurant; beige Resopalästhetik in der Cafeteria. Sitzbänke: grün und abwaschbar und so weiter und so fort.)