BERN. - Einspruch, Euer Ehren! Da sitze ich in Bern, in der deutschsprechenden Ecke Hochburgunds, und irgendwo am Niederrhein will ein Richter die Schreibreform befehlen, behindern, verbieten, was auch immer. Das ist auch meine Sprache, und wie ich um mich herum höre, ist es ebenso die Sprache der Österreicher, die Sprache von Elsässern, von Luxemburgern, Holländern. Deutsch sprechen auch wieder viele Osteuropäer. Die deutsche Sprache ist nicht die Angelegenheit eines geschlossenen Territoriums, auf welchem Staatsbehörden abschließende - ausschließende --Urteile darüber fällen dürfen. Deutsch genießt den hohen Rang einer Sprache, welche über die Grenzen von Ländern hinübergreift und sie verbindet, die deutsche Sprache begründet kein Vaterland, sondern es bietet ein kulturelles Mutterland.

Um diese deutsche Sprache als gemeinsames und allen verständliches Mutterland zu erhalten, haben Vertreter der wichtigsten Sprachprovinzen über Jahre zusammengesessen. Keine Politiker, keine Richter, keine Juristen, sondern Fachleute und Bildungsverantwortliche einigten sich schließlich auf eine Reform der geschriebenen Sprache. Heraus kam kein Gesetz, kein Diktat eines Staates, auch nicht jenes einer Académie française, sondern ein breites Einvernehmen.

Natürlich verwiesen die Kultur- und Erziehungsfachleute 1994 auf die "politische Willensbildung in Deutschland, Österreich und in der Schweiz", welche die Rechtschreibung nun zu diskutieren habe. Natürlich darf eine territoriale Behörde festlegen, was in ihren Schulen gelehrt wird. Doch je nach Gegenstand haben diese Behörden auch die weiteren Zusammenhänge zu beachten. Diese Sprachreform hängt eben mit mir zusammen, mit den Deutschschweizern, den Österreichern und mit allen anderen, die Deutsch als Muttersprache sprechen.

Muß denn alles durch Recht und Gesetz abgesegnet sein? Für Flußregulierungen brauchen wir den Staat unbedingt, eine Sprachgemeinschaft verschiedener Völker kommt aber ohne Staat glänzend aus.

Deutschland hat sich über seine Rolle nach der Wiedervereinigung und vor dem offenen Osten des Kontinents den Kopf zerbrochen. Mit großer Akklamation hat die Bundesrepublik seither die Rolle des großzügigen Förderers der Europäischen Union ausgefüllt. In die gleiche Rolle paßt es, kultureller Katalysator zu sein. Diese Ausstrahlung Deutschlands, von der Mitte des Kontinents aus, hängt von Unwägbarem ab, nicht von Justiz und Recht.

Leben und leben lassen, fünfe gerade sein lassen, das ist der Stoff, der kulturelle Räume kittet. Der deutsche Sprachraum hat eine Zukunft über den deutschen Staat hinaus. Während das Französische ganz Indochina, den Maghreb und den Kongo verloren hat, kann die deutsche Sprache die Lingua franca Mittel- und Osteuropas werden. Keine schlechte Aussicht - aber in diesem größeren Ganzen ist jedes Land nur ein Teil.

Beat Kappeler, Professor für Sozialpolitik in Lausanne, ist Journalist bei der Weltwoche, Zürich, und bei Hebdo, Lausanne.