Wann kann man, ohne sich lächerlich zu machen, die Jahrhundertwende feiern welche ja diesmal sogar eine Jahrtausendwende ist - und dem neuen Säkulum seinen Salut andienen? Jede Zeitung, jeder Sender möchte der erste sein, versucht aber zugleich, die Unterwerfung unter den Kalender nicht zur Peinlichkeit ausarten zu lassen. Es bringt Pech, wenn man vor dem Geburtstag gratuliert; alle Scheitelpunkte in Zeitzyklen, die einen Neubeginn verheißen, sind von Ritualen und abergläubischen Unterlassungsgeboten umrankt: Man kann da leicht was falsch machen. Aber die Furcht der Sender, zu spät zu kommen und bei der Party für das 21. Jahrhundert keinen Platz in der ersten Reihe mehr abzukriegen, ist offenbar größer als die Furcht vor Fehlern. So wie die Fans einer Band am Tage vor der Konzertkassenöffnung mit Schlafsack und Henkelmann anrücken und einen Schnupfen in Kauf nehmen, um nur ja die ersten in der Schlange zu sein, starten TV-Redaktionen schon jetzt den Countdown für den 31. Dezember 1999. Und wir armen Zuschauer sollen mitzählen. Zweieinhalb Jahre lang.

Das ist eine Überforderung. Und es kann leicht schiefgehen. Denn während der folgenden 28 Monate könnten doch in Politik, Kultur oder Technik Dinge geschehen, die das Jahrhundert in ein ganz neues Licht tauchten, und dann wäre der Abgesang von heute nur noch ein Ärgernis. Es erginge uns wie dem übereifrigen Journalisten, der, um der erste zu sein, auf einen sehr alten prominenten Herrn schon zu dessen Lebzeiten einen Nachruf schreibt; aber der Kerl lebt munter weiter, wirft seine politische Überzeugung um oder revidiert sein wissenschaftliches Werk, und unser Nachrufautor hat in den Ofen geschossen. 1997 ist noch nicht 1999, und der Medienkonsument nicht willens, sich in das Fin-de-siécle-Theater, vor dem ihm eh graut, Jahre vorher hineinziehen zu lassen. Also kann man Printmedien und TV-Stationen nur raten, die Finger von Vorweg-Jubliläen zu lassen und genauso zuzuwarten wie die Hersteller und Vertreiber von Silvesterraketen, Knallfröschen und Chinaböllern. Diese Artikel gibt es immer erst zwei Tage vor dem Ereignis.

Aber natürlich hört keiner auf den guten Rat, nicht einmal das ZDF, das schon jetzt per Rückblick mit dem 20. Jahrhundert abschließt. Da es auf die gute Idee gekommen ist, die Ära, in der "das Jahrhundert jung war", ausschließlich mit zeitgenössischem Orginalmaterial nachzubauen und uns so die kaiserliche Herrlichkeit eines Wilhelm, eines Franz Joseph und eines Zaren Nikolaus mit echtem Stummfilmpathos vorzuführen, bringt man dieser Reihe von Dieter Franck Sympathien entgegen. Die Erfindungen jener Zeit, die Maschinen, Autos, U-Bahnen und Flugzeuge - sie sehen in schwarzweiß so viel romantischer aus. Einen kleinen Geschichtskurs kann man immer gebrauchen und nun gar einen über die Epoche, in der die Bilder laufen lernten, mit ebendiesen Bildern - das legt den Zauber der Ursprünglichkeit über die Dokumentation und hält sie frei vom Besserwissen. Aber warum stellt man dieses vielversprechende Unternehmen in den Kontext des medialen Wettrennens auf die Zielmarke 2000 zu? Schon seiner Bedächtigkeit wegen hat dieser Film da nichts verloren.