Nein, es fällt nicht leicht, die Bunte in Schutz zu nehmen. Bei all dem Mist, den dieses (wie soll man sagen, ohne eine Beleidigungsklage zu riskieren?) Organ im allgemeinen so produziert und im besonderen: dem Fall des Mordopfers Gianni Versace. Mist ist das, der zwar übel riecht, aber seine Düngewirkung allenfalls bei leicht beschränkten Zeitgenossen entfaltet. Zeitgenossen, die im Regelfall an Anstößigem nicht Anstoß nehmen.

Nun hat's einer doch getan: der Modeschöpfer Wolfgang Joop. Er wollte es nicht einfach hinnehmen, daß seinem toten Kollegen gleichsam nachgesagt wurde, der trage, schwul, wie er war, an seinem Tode selbst die Schuld. So strich Joop gleich dem ganzen Burda-Konzern, zu dem die Bunte gehört, all seine künftigen Anzeigenaufträge. Wobei es sich nicht um Peanuts handelt, sondern um Millionen.

Erste Reaktion: Bravo! Und dann doch: zunehmendes Magendrücken.

In anständigen Zeitungshäusern sind Redaktion und Anzeigengeschäft zwei streng geteilte Felder. Keiner frißt dem anderen übern Zaun. Was übersetzt bedeutet: Der Anzeigengeber Wolfgang Joop hat mit seinem kommerziellen Gewicht nicht auf den Inhalt der von ihm beglückten Blätter einzuwirken.

In anständigen Zeitungshäusern. Ist Burda ein anständiges Zeitungshaus? Und wer entscheidet das - Wolfgang Joop? Bei dieser Überlegung lassen wir dann lieber doch allen Anstand fallen und stellen uns, wirklich schwersten Herzens, auf die Seite der Bunten.

rf