Steigt Philip Morris aus dem Zigarettengeschäft aus? Haben die Nikotingegner in Florida die mächtigen Tabakmultis endgültig in die Knie gezwungen? Gemach. Die jüngsten Äußerungen von Philip-Morris-Chef Geoffrey C. Bible und der Milliarden-Ablaßhandel der Zigarettenkonzerne mit dem Staat Florida haben zwar mächtig viel Rauch produziert, ein Blick durch die Schwaden zeigt jedoch, daß viele Schlußfolgerungen voreilig waren.

Was ist geschehen? In den Vereinigten Staaten sind die großen Tabakkonzerne, allen voran Philip Morris, R. J. Reynolds und British-American Tobacco, seit Jahren einer Flut von Klagen ausgesetzt: kranke Raucher, Hinterbliebene von Lungenkrebsopfern, ja ganze Bundesstaaten wollen Ersatz für die ihrer Meinung nach durch Zigaretten verursachten Schäden und Aufwendungen. Den Tabakmultis wird vorgeworfen, zu spät und nicht genügend über die Gefährlichkeit ihrer Produkte aufgeklärt, möglicherweise sogar durch manipulierte Nikotinwerte die Sucht noch gefördert zu haben.

Über Jahrzehnte konnten die Tabakkonzerne allerdings alle - meist auf horrende Summen abzielenden - Klagen abwehren. Ihr Standpunkt: Zigaretten sind ein legales Produkt, ein gewisses Risiko ist seit langem bekannt, und ein kausaler Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und dem Rauchen bislang nicht ausreichend nachgewiesen.

Doch dann hatte der Chef eines vergleichsweise kleinen Zigarettenherstellers (Liggett Group) die Abwehrfront ins Bröckeln gebracht. Um ihr einträgliches Geschäft, das paradoxerweise im amerikanischen Heimatmarkt nach wie vor die dicksten Margen abwirft, nicht zu gefährden, handelten die Anwälte der Tabakmultis mit den Anwälten etlicher Bundesstaaten und privater Kläger einen auf den ersten Blick gigantischen Deal aus: 368 Milliarden Dollar sollen im Verlauf der nächsten 25 Jahre in einen Fonds eingebracht werden. Dieser Topf wird für die Entschädigung von Nikotinopfern, Deckung von Behandlungskosten und einen noch nie dagewesenen Werbefeldzug gegen das Rauchen verwandt. Vorteil für die Industrie und ihre Aktionäre: Das Geschäftsrisiko wäre langfristig kalkulierbar, der Aufwand durch erhöhte Preise (ungefähr auf europäischem Niveau) vergleichsweise einfach zu finanzieren - und das alles, ohne ausdrücklich ein Verschulden einzuräumen.

Noch ist der Deal nicht unter Dach und Fach, denn den Nikotingegner in der Clinton-Regierung möchte die Industrie gerne noch enger an die Kandare nehmen. Auf diesem Hintergrund werden auch die Äußerungen des Philip-Morris-Chefs erst verständlich. In einer Anhörung, in der es um Schadensersatz für vom Staat Florida aufgebrachte Behandlungskosten ging, gab sich Bible ungewohnt kulant. Als er gefragt wurde, ob amerikanische Bürger "möglicherweise" und "zum Teil" durch langjährigen Zigarettenkonsum zu Tode gekommen sein könnten, antwortete er mit: "Könnte sein". Die kausale Verknüpfung zwischen Rauchen und Krebs stritt er freilich weiterhin ab. Nur so konnte er auch locker einräumen, daß er die Produktion "zumindest vorübergehend" einstellen würde, wenn die amerikanische Regierung die Legalität des Verkaufs in Frage stellen könnte und seine Wissenschaftler im Konzern diese Kausalität zweifelsfrei nachweisen könnten. Ebendies ist aber aufgrund der bisherigen Erfahrungen denkbar unwahrscheinlich. Es ist eben praktisch kaum nachzuweisen, daß ein bestimmter Krebstod allein durch Zigaretten verursacht wurde.

Die von den gegnerischen Anwälten als historisches Eingeständnis hochgejubelte Aussage riecht stark nach Taktik. Wer die Erwartungen von Bible und seinen Managementkollegen wirklich erfahren möchte, kann dies leicht im jüngsten Geschäftsbericht, erschienen Ende Februar dieses Jahres, nachlesen. "Sowohl national als auch international", heißt es da, "übertraf unser weltweites Tabakgeschäft extrem ehrgeizige Wachstumsziele." Die Gewinne sprudelten wie noch nie. Und obwohl Philip Morris nur noch gut die Hälfte des Konzernumsatzes von knapp siebzig Milliarden Dollar mit Zigaretten erzielt (den Rest tragen Lebensmittel und Bier bei), resultierten mehr als zwei Drittel des Gewinns von gut zwölf Milliarden Mark aus dem Verkauf von Marlboro und anderen Marken.

Und sollte das US-Geschäft durch die ausgehandelten Auflagen tatsächlich nicht mehr ganz so gut laufen, so ist für Ersatz gesorgt: Wie die anderen Tabakmultis - einschließlich der deutschen Reemtsma-Gruppe - ist Philip Morris nämlich längst dabei, die ergiebigen Raucherreservoirs in Osteuropa und Asien zu erobern. Die Zigarette gilt dort noch als Symbol für Männlichkeit und Erfolg, der Raucheranteil an der Bevölkerung liegt (auch ohne langjährige Werbeberieselung) weit höher als im Westen: Zuwachsraten von 30 Prozent jährlich sind dort für internationale Marken keine Seltenheit. Wer in Moskau oder Manila Marlboro oder Davidoff pafft, zeigt, daß er es geschafft hat. Und auch in China, wo 300 Millionen Raucher locken, sind schon die ersten Lizenzen vergeben.