Nur die Lauen oder Keuschen haben von der Gewohnheit behauptet, daß sie die Sinne abstumpfe: Das Gegenteil ist der Fall, aber es ist mit der Lust wie mit der Malerei oder der Musik, sie verlangt ein dauerndes Abweichen von der Regel.

(Georges Bataille, "Abbé C")

I Zwischen Sadismus und Surrealismus

Den Unterschied zwischen pornographischer und erotischer Literatur zu erörtern gehört zur klassisch gewordenen Debatte um Avantgarde und Antiliteratur. Wenn man annimmt, erotische Literatur könne nicht verwechselt werden mit dem in realistischer Literatur vermuteten Disput um alltägliche Probleme, lassen sich die Texte von Autoren wie Bataille, Klossowski, Gombrowicz der phantastischen Literatur zurechnen. Georges Bataille wollte - wie Aragon, wie Breton Anfang der zwanziger Jahre - den Roman herausholen aus den Bastillen bürgerlicher Bildungskulturen. Beschreibungsliteratur wie die des Staatsdichters Anatole France hatte ausgedient, und nachdem sich ein Text doch nicht mit der surrealistischen Tat, einem Revolverschuß in die Menge, schreiben ließ, entstanden die "Nadjas", die "Bauer von Paris", die "Geschichte des Auges". Texte, die Fiktion und Essay, philosophische Reflexion und Kriminalstory mischen, die das Verbrechen, den Mord behandeln, ohne - wie Zola, wie Dostojewskij - die Existenz humanwissenschaftlich ergründen zu wollen. Antipsychologie ist entworfen (längst vor dem Nouveau roman), auch ein Protest gegen das Schreiben, das mit Erklärungen und Begründungen psychoanalytischer oder sozialpolitischer Tradition arbeitet.

Gewißheit? Der Text öffnet den "Abgrund" für das Bewußtsein, das bei Bataille sich dann selbst "überschreitet". (Klopft der Leser den Text ab nach ontologischen, existential-philosophischen Methoden - klappt auch das nicht.)

Man hat Bataille in einer Linie gesehen mit der "Schwarzen Romantik".

Bataille selbst definiert, daß der Text das "Unmögliche" wolle, das vom Schrecken ausgehe. Parallel zur Linie der poètes maudits gibt es aber noch eine zweite Verwandtschaftslinie, die der abstrakten Literatur, die von Mallarmé über Maeterlinck zu Blanchot führt und Bataille mit Marguerite Duras verbindet. Die erste Linie ist die der "sadistischen Moderne" (Bohrer), die mit Bildern der Grausamkeit - erhabenen wie profanen - arbeitet, Artauds, Peter Brooks "Theater der Grausamkeit", wo sich das Allegorische des Barock, die blutige Phrenesie der Renaissance mischt mit alltäglichen Bildern der Tortur: "Ich dachte an die Blutblasen, die sich über dem Loch an der Kehle bilden, wenn ein Fleischer ein Schwein ersticht." Literatur, die, um einen soziologischen Titel Batailles zu nennen, selbst zum "Verfemten Teil" wird.