Die Berichte über Zwangssterilisationen von geistig Behinderten und Lernschwachen in Schweden haben auch in anderen Ländern Europas Diskussionen ausgelöst. So kündigte der österreichische Justizminister Nikolaus Michalek vergangene Woche an, die rechtlichen Grundlagen für Sterilisationen neu zu definieren. Das bisherige Gesetz, erklärte der Minister, sei ungenügend, da es lediglich die Zustimmung der Eltern von geistig behinderten Minderjährigen verlange. Es fehle die Pflicht, Gutachten einzuholen und betroffene Personen anzuhören. Eine noch nicht lange zurückliegende Umfrage des Frauenministeriums unter Behinderten in Österreich hat ergeben, daß die Sterilisation noch immer die am meisten verbreitete Verhütungsmethode ist, angewandt bei 62,5 Prozent der Befragten. "Die meisten Frauen", so das Ergebnis der Untersuchung, "wurden gegen ihren Willen vor ihrer Volljährigeit zwangssterilisiert."

Nur bei geistig Behinderten, die volljährig sind, müssen nach dem österreichischen Gesetz ein Vormund und das Pflegschaftsgericht einer Sterilisation zustimmen. Ist die Person in der Lage, den Eingriff zu verstehen, darf dieser nicht gegen deren Willen vorgenommen werden. Das Magazin Profil berichtet in seiner neuesten Ausgabe allerdings von Fällen, in denen dieses Gesetz gebrochen wurde. So erlitt eine Patientin eine "psychotische Krise", als sie kurz nach der Geburt ihres Kindes erfuhr, daß ihr vom Gynäkologen ungefragt die Eileiter durchtrennt worden waren. Die Sterilisation einer zwanzigjährigen Heimpatientin wurde nur deshalb bekannt, weil einer aufmerksamen Pflegerin eine kleine Narbe auf deren Bauch aufgefallen war. "Die Praxis zeigt immer wieder, wie groß die Schlupflöcher im Gesetz sind", sagt Ernst Berger vom Krankenhaus Rosenhügel.

Sechs Jahre früher als in Schweden war bereits in Dänemark ein Sterilisationsprogramm für Behinderte und "sozial Auffällige" angelaufen.

Zwischen 1929 und 1967 waren in Dänemark 11 000 Menschen sterilisiert worden.

Die Hälfte davon, so hat die Historikerin Lene Koch ermittelt, unfreiwillig.

In Finnland erschütterte die Historikerin Marjatta Hietala die Öffentlichkeit, als sie ihren Landsleuten berichtete, daß zwischen 1935 und 1970 rund 17 000 Finnen zwangssterilisiert worden seien, Menschen mit erblichen Mißbildungen oder Geisteskrankheiten. Aber auch solche, die durch sozial unerwünschtes Verhalten auffielen. Noch in den sechziger Jahren, berichtete die Wissenschaftlerin, seien jährlich rund 300 Zwangssterilisierungen angeordnet worden. Die finnischen Behörden hatten lediglich 1400 Fälle für den gesamten Zeitraum eingeräumt. "Es handelte sich nach damaliger Sicht um eine Art Sozialreform, um die Rasse zu verbessern", sagte Marjatta Hietala.

Im Schweizer Fernsehen berichtete der Psychologe Jacques Voneche von der Universität Genf über heimliche Zwangssterilisationen an Behinderten. Häufig wurden sie bei anderen Operationen nebenbei gemacht, meist auf Verlangen von Eltern der Behindertern, aber auch von Institutionen und Ärzten. Bereits vor einem Jahr hatte der Basler Arzt Alex Schwank eine wissenschaftliche Untersuchung veröffentlicht, nach der an Schweizer Kliniken auch nach dem Zweiten Weltkrieg "unter fragwürdigen Umständen" geistig Behinderte und psychisch Kranke zwangssterilisiert wurden.