Gerhard Schürer blickt ohne Zorn und Verbitterung auf vergangene Zeiten zurück

Das Photo stammt vom 14. April 1986. Das Politbüro der SED ist geschlossen angetreten. Vorneweg Erich Honecker und Willi Stoph, dahinter unter anderen Günter Mittag und Harry Tisch, Egon Krenz noch in der dritten Reihe. Der Phalanx der Genossen gegenüber steht Gerhard Schürer, Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und damit ein wichtiger Mann in der DDR. Die Parteiprominenz gratuliert Schürer zum 65. Geburtstag, und der Jubilar steht da, als sei er zum Befehlsempfang angetreten.

Elf Jahre später. Im fünften Stock eines Wohnblocks in Berlin-Mitte wartet ein rüstiger, freundlicher alter Herr an der Wohnungstür: der Rentner Gerhard Schürer. Der Plattenbau ist von der besseren Sorte. Vom Fenster geht der Blick auf den alten Mauerstreifen, um die Ecke liegt die Großbaustelle Potsdamer Platz. Das Interieur ist kleinbürgerlich: Polstergarnitur, Bücherschrank, Grünpflanzen. Auf dem Couchtisch steht der Kaffee. Immer zur vollen Stunde klimpert eine Uhr das Ave Maria.

Früher wohnten die Schürers in der Promi-Siedlung Wandlitz, wo sie das Haus Nummer sieben von Walter Ulbricht übernommen hatten. Das stand dem Spitzenfunktionär zu, schließlich saß er von 1973 bis zur Wende an einer der Schaltstellen der DDR-Wirtschaft. Schürer war der Chefökonom des Landes, dazu Kandidat des SED-Politbüros. An ihm führte kein Weg vorbei, wenn es um die Entscheidung ging, Kredite zuzuteilen, ein Stahlwerk zu genehmigen, die Mikroelektronik zu fördern oder mehr Klopapier zu produzieren. Über 2000 Bürokraten kalkulierten, kommandierten und inspizierten.

Dem zentralen Plan mußte sich die gesamte Wirtschaft unterordnen - bis hinein in die absurdesten Verirrungen. Schürer im Rückblick: "Lieferte ein Züchter ein Kaninchen an den Staat, erhielt er dafür sechzig Mark. Kaufte er es danach geschlachtet und ausgenommen bei der Staatlichen Handelsorganisation (HO) zurück, kostete es trotz der aufgewendeten Arbeit nur fünfzehn Mark."

Ein politischer Preis, rechtfertigt sich Schürer, das hätten nicht nur die Ökonomen in der DDR als unerträglich empfunden.

Als Planungschef war Schürer noch Mitglied der Regierung Modrow, am 11.

Januar 1990 trat er zurück. Die alten Freunde warfen ihn aus der Partei, zwei Wochen später wurde er wegen des Verdachts verbrecherischer Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums verhaftet "von Leuten, die vorher meine Genossen waren". Es kam nie zu einem Verfahren gegen ihn, aber die knapp drei Wochen in der Zelle 108 der Untersuchungshaftanstalt Berlin II haben ihn nach eigener Versicherung "etwas beschädigt". Er sagt das so, daß man die tiefe Verletzung spürt, die geblieben ist.

Ein gebrochener Mann ist der gelernte Stahlbauschlosser aus Zwickau deswegen nicht, auch keiner von der weinerlichen Sorte. "Es hat schon Revolutionen und Konterrevolutionen gegeben, die schlimmer waren", konzediert er. Nach dem kurzen Gastspiel in der Regierung Modrow war die öffentliche Karriere im Januar 1990 definitiv zu Ende, Schürer mußte die Brötchen für seine Familie verdienen. Wählerisch war er nicht: "Ich habe alles Mögliche gemacht: bei Nachbarn Gardinen gereinigt, Autos gewaschen, einer pflegebedürftigen alten Frau den Hintern geputzt."

Und dann holte ihn die Vergangenheit ein. Auf der Straße sprach ihn ein Unbekannter an: Er kenne ihn von der Leipziger Messe und suche jemanden mit guten Kontakten nach Moskau. Es war der Chef der Bellinda-Strumpfwerke im Allgäu, der in Richtung Osteuropa expandieren wollte. Schürer, in den Fünfzigern drei Jahre Student an der Moskauer Parteihochschule, ließ sich engagieren und war glücklich, daß er bei der Gelegenheit "wieder einmal ein paar alte Freunde treffen" konnte. Das Spielchen wiederholte sich in Vietnam.

Da trat er als Berater für das Service-Unternehmen Dussmann auf und aktivierte seine Beziehungen zum vietnamesischen Planungschef, dem Freund aus sozialistischen Tagen. Selbst die Lufthansa hat ihn mittlerweile zu alten Genossen geschickt, um schön Wetter zu machen.

Der Unternehmer Peter Dussmann, der seinen Firmensitz von München nach Berlin-Mitte verlegt hat, ist heute Schürers Arbeitgeber. Nach einer Tätigkeit in der Controlling-Abteilung ("Da saß ich als Sachbearbeiter von morgens bis abends am Computer") brütet er jetzt jeden Vormittag über einem Stoß Zeitungen und wertet sie aus. Dann zieht es den 76jährigen nach Hause.

Christina kommt von der Schule, mit neun das jüngste seiner sieben Kinder und Vatis Augenstern.

Schürer erzählt lebendig, ohne Groll oder gar Verbitterung. Im vergangenen Jahr hat er seine Biographie veröffentlicht, deren Titel Bilanz ist: "Gewagt und verloren". Er hat es geschafft, aus kleinen proletarischen Verhältnissen bis ganz nach oben in der Hierarchie der Funktionäre zu klettern und einen einsamen sozialistischen Rekord aufzustellen: Er war 24 Jahre lang Chef der Planbehörde. Aber das Objekt seiner Zuwendung, die ostdeutsche Wirtschaft, ging pleite, die DDR hat sich aufgelöst. Und seinen Rekord kann ihm niemand streitig machen, weil zentrale Planung nicht mehr gefragt ist.

Vor einer Enquete-Kommission des Bundestages gestand Schürer jüngst: "Die Marktwirtschaft hat sich geschichtlich in ihrer Innovationskraft der von uns praktizierten Art der zentralen Planwirtschaft überlegen erwiesen." Sicher sei es falsch gewesen, so ergänzt er im Gespräch, daß der Planungschef zwar festlegt, wieviel Erdöl aus der Sowjetunion importiert wird, sich dabei aber nicht um die Preise kümmert (das war Sache des Außenhandelsministers). Es sei auch tödlich gewesen, über die großen Objekte hinaus "die Versorgung mit den tausend kleinen Dingen zu planen".

Aber wer die Berichte des Club of Rome lese, der müsse doch den Sinn einer strategischen Ressourcenplanung einsehen. Für erhaltenswert hält Schürer auch die Kernenergie ("Da läßt man die arme Frau Merkel ganz alleine rudern"). Und "der Waigel kann nicht mal drei Monate mit seinem Haushalt vorausschauen, da würde ein bißchen Planung nicht schaden". Kritik auch an der Währungsunion vom Sommer 1990, die für Schürer "bei weitem nicht der beste Weg" war er hätte einen Umtauschkurs von 1 : 4,4 für angemessen gehalten.

Besonders fatal sei gewesen, daß man den Westkonzernen erlaubt habe, die Ostkonkurrenz totzumachen: "Die Leute haben die Betriebe für eine Mark gekauft, um sie dann zu schließen." Im übrigen solle man doch endlich mit der Behauptung aufhören, daß Milliarden und Abermilliarden gen Osten geschickt werden: "Wenn man eine Autobahn ausbaut, seit wann ist das ein Transfer? Und wenn man zwanzig Prozent Arbeitslose schafft, dann muß man die auch unterstützen."

Als Schürer mit Frau und Tochter 1990 nach Berlin zog, stand hinter dem Haus noch die Mauer. Ein gutes Jahr lang wehrte sich Schürer dagegen, die nicht mehr existierende Grenze zu überqueren. Dann unternahm er seinen ersten Ausflug auf den Kurfürstendamm. "Was für ein gleißender Eindruck von Reichtum, Schönheit und von der Leistungsfähigkeit des Kapitalismus." Doch dann die Ernüchterung: Vor einem Juweliergeschäft improvisiert eine obdachlose Frau ihr Nachtlager. Schürer: "Bei acht Grad Kälte! Daß sich der Kapitalismus so etwas leisten kann."

Inzwischen waren die Schürers im Rheinland, haben Alexander Schalck-Golodkowski am Tegernsee besucht, die Alpen entdeckt. Aber das Höchste waren doch die Tage vor Ostern, als Gäste im Luxushotel an der Algarve. Mit verträumtem Lächeln gesteht der Mann, der fast eine Generation lang die Knappheit in seinem Land organisiert hat: "Das Leben kann schön sein."