Januar 1990 trat er zurück. Die alten Freunde warfen ihn aus der Partei, zwei Wochen später wurde er wegen des Verdachts verbrecherischer Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums verhaftet "von Leuten, die vorher meine Genossen waren". Es kam nie zu einem Verfahren gegen ihn, aber die knapp drei Wochen in der Zelle 108 der Untersuchungshaftanstalt Berlin II haben ihn nach eigener Versicherung "etwas beschädigt". Er sagt das so, daß man die tiefe Verletzung spürt, die geblieben ist.

Ein gebrochener Mann ist der gelernte Stahlbauschlosser aus Zwickau deswegen nicht, auch keiner von der weinerlichen Sorte. "Es hat schon Revolutionen und Konterrevolutionen gegeben, die schlimmer waren", konzediert er. Nach dem kurzen Gastspiel in der Regierung Modrow war die öffentliche Karriere im Januar 1990 definitiv zu Ende, Schürer mußte die Brötchen für seine Familie verdienen. Wählerisch war er nicht: "Ich habe alles Mögliche gemacht: bei Nachbarn Gardinen gereinigt, Autos gewaschen, einer pflegebedürftigen alten Frau den Hintern geputzt."

Und dann holte ihn die Vergangenheit ein. Auf der Straße sprach ihn ein Unbekannter an: Er kenne ihn von der Leipziger Messe und suche jemanden mit guten Kontakten nach Moskau. Es war der Chef der Bellinda-Strumpfwerke im Allgäu, der in Richtung Osteuropa expandieren wollte. Schürer, in den Fünfzigern drei Jahre Student an der Moskauer Parteihochschule, ließ sich engagieren und war glücklich, daß er bei der Gelegenheit "wieder einmal ein paar alte Freunde treffen" konnte. Das Spielchen wiederholte sich in Vietnam.

Da trat er als Berater für das Service-Unternehmen Dussmann auf und aktivierte seine Beziehungen zum vietnamesischen Planungschef, dem Freund aus sozialistischen Tagen. Selbst die Lufthansa hat ihn mittlerweile zu alten Genossen geschickt, um schön Wetter zu machen.

Der Unternehmer Peter Dussmann, der seinen Firmensitz von München nach Berlin-Mitte verlegt hat, ist heute Schürers Arbeitgeber. Nach einer Tätigkeit in der Controlling-Abteilung ("Da saß ich als Sachbearbeiter von morgens bis abends am Computer") brütet er jetzt jeden Vormittag über einem Stoß Zeitungen und wertet sie aus. Dann zieht es den 76jährigen nach Hause.

Christina kommt von der Schule, mit neun das jüngste seiner sieben Kinder und Vatis Augenstern.

Schürer erzählt lebendig, ohne Groll oder gar Verbitterung. Im vergangenen Jahr hat er seine Biographie veröffentlicht, deren Titel Bilanz ist: "Gewagt und verloren". Er hat es geschafft, aus kleinen proletarischen Verhältnissen bis ganz nach oben in der Hierarchie der Funktionäre zu klettern und einen einsamen sozialistischen Rekord aufzustellen: Er war 24 Jahre lang Chef der Planbehörde. Aber das Objekt seiner Zuwendung, die ostdeutsche Wirtschaft, ging pleite, die DDR hat sich aufgelöst. Und seinen Rekord kann ihm niemand streitig machen, weil zentrale Planung nicht mehr gefragt ist.