Ein Werk, ein Held, ein Thema. Er war nicht nur sehr blauäugig, sondern auch sehr Schweizer und katholisch. Seine Bücher sind monomanisch, besessen, Litaneien, wieder- und wiedergekäut, im Munde verdreht und endlos zermalmt, ausgespuckt und neu zusammengesetzt, mit der unendlichen Liebe eines Heiligen der Literatur. Einsam war er (sehr), Junggeselle (sehr), Bewohner der (französischen) Provinz, das versteht sofort, wer auch nur eines seiner Bücher liest: "Inquisitorium", "Ohne Antwort","Augenblicke der Wahrheit", "Passacaglia", "Apocryph", "Der Feind" oder eine der vielen Geschichten des Monsieur Traum. Immer ist es ein alter Mann, immer derselbe, der schreibt, an immer derselben Geschichte: Es war einmal ein Mann, der wohnt in einem großen Haus, in einer Gegend, in der das Leben nicht sehr lebt. Das große Haus teilt der Mann wahlweise mit einem Diener, einem Dienstmädchen, einem Arzt oder einem Notar und ist auf der Suche nach einem Schriftstück, einem Verwandten, einem Feind oder einem Wort. Und immer wieder heißt es: Mann, erzähl uns eine Geschichte. Und immer wieder fängt er an: Es war einmal ein Mann. Allerdings nicht irgendein Mann. Pingets alte Herren stehen in einer großen literarischen Tradition. Sie sind nahe Verwandte des Monsieur Teste, des Monsieur Plume, des Igitur und all der anderen bleistiftdürren Luftgespenster der französischen Literatur - "Anti-Fäuste" allesamt, irrlichternde Papierköpfe, die alles mit allem versöhnen wollten, Wort und Tanz, Sprache und Geist, Poesie und Gesang, Gott und die Welt. Unmögliche Sache, aber schön. Schön gescheitert natürlich auch und, hélas, immer wieder schön von vorne begonnen, das Geheimnis eines "reinen noch nicht vorstellbaren Textes" im büttenpapierenen Herzen. Der größte Traum des Monsieur Traum: die weiße Seite. "Wenn er sein Geschriebenes durchliest, stößt er sich an jedem Wort, hält es für überflüssig und streicht es." Was Wunder: Mit Beckett war der Dichter gut befreundet. Und Beckett war es , der (in seiner englischen Übersetzung) den besten aller Pinget-Titel erfand: "The old Tune", die alte Leier, das endlose Gemurmel der vielen Stimmen, die sprechen und sprechen und nichts sagen und die so gerne schweigen wollen. In seinem letzten Buch "Tintenklekse, Monsieur Traums letztes Notizheft" (das in Kürze auf deutsch im Wagenbach Verlag erscheint) schreibt er: "Am Ende unserer Tage müßte man einen Satz sagen oder schreiben können, der unser ganzes Leben zusammenfaßt."

Er zählt die Jahre, die ihm noch bleiben, versammelt noch einmal alle seine Figuren zu einem kleinen Abschiedsständchen. Noch einmal plaudert man vom grauen Nebel, von den Käuzchen, den Engeln, all den vergessenen Dingen. Dann seine letzten Zeilen: "Du läßt mich so enden?" Am 25. August ist Robert Pinget in Tours gestorben.