Bonhoeffer attestiert zwar "soziale Brauchbarkeit", empfiehlt dennoch die Sterilisierung.

In Deutschland wurden zwischen 1933 und 1945 400 000 Menschen sterilisiert und damit menschlich und sozial vernichtet. Nach 1945 hat nur der Psychiater Oswald Bumke eingestanden: "... geholfen hat das Sterilisieren nicht, und wer die Welt ohne Scheuklappen sah, hatte das vorher gewußt."

Das Erbgesundheitsgesetz wird nach Kriegsende ausgesetzt, das heißt nicht mehr angewendet. Für die Betroffenen hat dies zur Folge, daß sie niemals als Naziverfolgte anerkannt werden. Bereits zwei Jahre nach dem Ende des kollektiven Rassenwahns, am 1. April 1947, beschließt der Gesundheitsausschuß des Länderrats, neue Richtlinien aufzustellen. In Hessen wird als Experte Otmar Freiherr von Verschuer bestellt, unter anderem ehemals Leiter des Frankfurter Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene, Herausgeber des einschlägigen Blattes Der Erbarzt, Chef seines in Auschwitz eingesetzten Lieblingsassistenten Josef Mengele. Verschuer, der selbst Tuberkulosekranke und Menschen mit einem Berufsunfall zu Erbkranken definierte, wird nach Protesten durch einen neuen Fachmann ersetzt: Werner Villinger, der sich am Massenmord an Behinderten ("Euthanasie") beteiligt hatte, indem er Kranke für den Tod in der Gaskammer begutachtete. Villinger wird später Experte im Ausschuß für Wiedergutmachung des Deutschen Bundestages.

Die Sterilisierungsideologen blieben in Amt und Würden, die Opfer wurden nicht entschädigt, bekommen allenfalls Almosen aus einem Härtefalltopf. In Frankfurt am Main ist noch heute eine Sprachbehindertenschule nach einem Sterilisierungspropagandisten benannt: August Henze. Henze, zunächst Schulrektor, dann Stadtschulrat, war 1932 in den Ruhestand getreten, aber Schriftleiter und Herausgeber des Verbandsorgans Die Hilfsschule geblieben.

1933 tritt der Ruheständler der NSDAP bei. Im selben Jahr fordert er im Verbandsblatt, die Fürsorge für die Hilfsschüler einzuschränken und - über das Nazigesetz hinausgehend - nicht "erbbedingte" Schwachsinnige unfruchtbar zu machen. Der Pädagoge: "... lieber einmal zu oft sterilisieren als zu selten." August Henze als Namenspatron einer Behindertenschule: Die Vergangenheit bleibt Gegenwart.