Die Serie der Massaker in Algerien reißt nicht ab: Seit den Parlamentswahlen am 5.Juni sind mindestens tausend Zivilisten, überwiegend Dorfbewohner, von bewaffneten islamistischen Banden geköpft, erdolcht oder erschossen worden - sofern man den Opfern nicht die Kehle durchschnitt.Die vorige Woche war die blutigste seit Beginn des algerischen Bürgerkrieges vor fünf Jahren.Am 26.August starben 64 Bewohner des Dorfes Ben Ali, 60 Kilometer südlich von Algier.In der Nacht zum 29.August wurd en im Dorf Rais, 20 Kilometer südlich der Hauptstadt, etwa 300 Menschen ermordet, vom Kleinkind bis zum Greis - der bisherige Höhepunkt der algerischen Tragödie. Die Angreifer verbrannten Männer bei lebendigem Leib, verstümmelten Frauen und Kinder. "Das Ganze dauerte von 22.30 Uhr bis 2.30 Uhr.Sie haben sich Zeit gelassen", berichtete ein Überlebender der französischen Nachrichtenagentur AFP.Die islamistischen Terroristen hätten sich afghanisch gekleidet, auch Frauen seien beteiligt gewesen.Ein überlebender Dozent erzählte: "Sie sind zu unserem Gebäude gekommen, wo die Lehrer untergebracht waren, und haben geschrien: Das sind die Tyrannen, sie müssen alle umgebracht werden." Die Gewalt begann, als die Armee im Januar 1992 putschte, um den sicheren Wahlsieg der Islamischen Heilsfront (FIS) bei den ersten freien Parlamentswahlen zu verhindern.Die Führer der FIS wurden verhaftet.Ihre Anhänger gingen zum Teil in den Untergrund, nachdem die Fundamentalisten-Partei verboten worden war.Was folgte, war zunächst ein klassischer Guerillakrieg.FIS-Kämpfer zogen sich in das schwer zugängliche Bergland um Algier zurück, verübten Anschläge auf die Armee und ermord eten zivile Vertreter des Staates - Beamte, Lehrer, Bürgermeister, Politiker. Gleichzeitig wurden säkular gesinnte Intellektuelle, Künstler, Journalisten und Feministinnen Opfer von Bombenanschlägen oder Fememorden.Im Dezember 1993 begannen die Attentate auf Ausländer: Der Exodus westlicher Investoren und Spezialisten in der Ölindustrie, der wichtigsten Devisenbringerin des Landes, sollten das verhaßte Regime wirtschaftlich schwächen. 1994 bekam die "Islamische Heilsarmee", der militärische Flügel der FIS, Konkurrenz von einer noch radikaleren Gruppierung mit einer denk bar einfachen Ideologie: keine Verhandlungen, kein Waffenstillstand, keine Demokratie.Sie nennt sich Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) und ist ein loser Zusammenschluß verschiedener, teilweise unabhängig voneinander operierender Banden, über deren Zusammensetzung wenig bekannt ist.Ihr Begründer, Mansur Meliani, wurde verhaftet und hingerichtet, seine beiden Nachfolger von der Armee erschossen.Gegenwärtig ist die GIA offenbar führerlos.Sie wird für die Anschlagserie in der Pariser Metro 1995/9 6 verantwortlich gemacht, bei der zehn Menschen starben. Es war die GIA, die den Bürgerkrieg in die algerischen Dörfer trug, zunächst, um Waffen, Geld oder Proviant zu erbeuten.Die überwiegend entlegenen und schwer zugänglichen Dörfer organisierten sich daraufhin in bäuerlichen Milizen - eine Form ziviler Selbstverteidigung gegen den islamistischen Untergrund.Der französische Historiker Benjamin Stora nennt diese Entwicklung der letzten zwei Jahre in einem Interview des französischen Magazins L'Express "eine Privatisierung des Krieges".Mit der Konfron tation zwischen Milizen und islamistischen Banden sei jene Wendung eingetreten, die der Barbarei endgültig den Weg bereitet habe.Ganze Dörfer erklären sich gegenseitig den Krieg, "Nationalisten" kämpfen gegen "Islamisten", überfallen einander in Hund ertschaften.Die Grenzen zwischen Bürgerkrieg und Blutrache scheinen aufgehoben."Archaische Stammesregeln treten wieder an die Oberfläche und überlagern den ursprünglichen Konflikt", meint Stora. Die zunehmende Brutalisierung des Bürgerkrieges wäre undenkbar ohne die Blockadepolitik des algerischen Staatsapparates.Der Beinahe-Wahlsieg der Islamisten 1992 war in erster Linie eine Quittung für den Machtmißbrauch durch das herrschende Regime - nicht Ausdruck einer mehrheitlich islamisch geprägten Weltanschauung der Wähler.Seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1962 kontrolliert die Armee und ihr ziviler Flügel, die ehemals sozialistische Einheitspartei FLN, sämtliche Schaltstellen von Sta at, Politik und Gesellschaft. Parallel zu der staatswirtschaftlichen Rentenökonomie, der Verteilung von Ölgeldern an eine parasitäre, überwiegend städtische Oligarchie, konnten in Algerien auch nach der Unabhängigkeit keine Mittelschichten entstehen.Damit fehlt die soziale Basis für bürgerliche Parteien, für einen demokratisch verfaßten Wandel staatlicher Institutionen.Der Ölpreisverfall nach 1986 führte zu einem weitgehenden Zusammenbruch des bestehenden Rentensystems. Soziale Unruhen waren die Folge, auf die das Regime mit einer vorsichtigen politischen Öffnung reagierte.Das Ventil der Unzufriedenen und der Mittellosen wurde die FIS - bis zu ihrem Verbot. Seit 1992 verfolgt das Regime eine ebenso einfache wie erfolgreiche Strategie.Politische und wirtschaftliche Reformen wurden vertagt und durch die alles beherrschende Machtfrage ersetzt.Mit dem Argument, den fundamentalistischen Terror bekämpfen zu müssen, spielten die Militärs auf Zeit.Und waren erfolgreich, weil sich die Islamisten durch ihre Brutalität zunehmend isolierten.Formal legitimierten sich die Machthaber mit Hilfe manipulierter Parlamentswahlen.Vor drei Monaten, am 5.Juni, wurde ei ne Nationalversammlung ohne nennenswerte Befugnisse gewählt, in der die Partei des Staatspräsidenten Liamine Zeroual gemeinsam mit der Nationalen Befreiungsfront FLN über die absolute Mehrheit verfügt.Die Wahlen waren in erster Linie eine Geste an d as Ausland - ebenso wie der nächste medienwirksame Schritt Zerouals am 15.Juli: die Entlassung von Abbasi Madani, dem Führer der Islamischen Heilsfront, nach fünf Jahren Haft.Bislang gab es über 80 000 Bürgerkriegstote - und nun ein Dialog zwischen der Regierung und der nach wie vor verbotenen FIS? Mitnichten.Jede Aufwertung der FIS würde den Machtanspruch der Herrschenden mindern.Die Freilassung Madanis, der sich politisch nicht betätigen darf, signalisiert guten Willen, ohne ein wirkliches Zugeständnis zu bedeuten.Und Madani weiß, daß sich die FIS in der Defensive befindet.Sein Schreiben an UN-Generalsekretär Kofi Annan, in dem er am vergangenen Samstag anbot, "mit Hilfe Gottes die Gewalt zu beenden, wenn der Staat entsprechend reagiert", ist ein Versuch, der FIS internationales Gewi cht zu verschaffen.Doch sie kontrolliert längst nicht mehr die Gewalt im Land, die von einem diffusen Netzwerk konkurrierender Kräfte ausgeht. In der unabhängigen algerischen Presse, die islamistische Anschläge ebenso fürchten muß wie staatliche Zensur und Publikationsverbote, wird immer wieder gefragt, ob die Armee den Terror nicht stillschweigend dulde oder gar aktiv fördere.Von der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) weiß man, daß sie von Agents provocateurs des Geheimdienstes unterwandert ist.Und wie ist zu erklären, daß terroristische Banden stundenlang Dorfbewohner niedermetzeln können, obwohl die Massaker teilweise in Sichtweite von Kasernen erfolgen, wie vorige Woche in Ben Ali?Sollte die Armee wirklich nicht in der Lage sein, das "Dreieck des Todes" hundert Kilometer um Algier - dort erfolgen die meisten Massaker - zu befrieden? Tatsache ist, daß die Greueltaten das Regime nicht gefährden.Im Gegenteil: Sie verschaffen ihm zusätzliche Legitimation im Kampf gegen "den Terrorismus".Im Ausland gilt das Regime als einziger Garant für Ordnung und Stabilität.Weder Frankreich noch die USA haben Interesse, Druck auf Zeroual auszuüben. Der notwendige gesellschaftliche Wandel in Algerien bleibt somit blockiert die Sorge vor allem Frankreichs beschränkt sich auf die Frage, ob der islamistische Terror auch weiterhin exportiert werden könnte.Die Anschläge der GIA voriges Jahr in Paris sind allerdings nicht Ausdruck einer "islamischen Internationale", sondern Rache für die uneingeschränkte französische Unterstützung des algerischen Regimes. Der politische Islam in Algerien ist eine Reaktion auf das Versagen der dortigen Staatsklasse und nicht die blutige Vorhut eines "Kampfes der Kulturen".Westliche Geheimdienste wissen das längst.Sie kooperieren in Frankreich, Deutschland und den USA mit FIS-Vertretern, die zwar einen islamischen Staat propagieren - aber eine Variante, die westliche Interessen nicht gefährden würde. Die brutale Wahrheit ist: Auf der Ebene der Macht gibt es niemanden, den das Morden in Algerien nachhaltig stört. DREIECK DES TODES Region Algier 23. 1. 97: 25 Tote nahe Algier. 25. 4. 97 (Algier): 21 Tote bei einem Zugattentat. 14. 7. 97 (Baraki): 29 Tote durch eine Paketbombe auf dem Marktplatz. 21. 8. 97 (Suhane): 64 Personen enthauptet. Region Tipasa 24. 7. 97 (Hadjout): 36 Tote. Region Medea 19. 1. 97: 48 Bauern enthauptet. 3. 4. 97 (Thalit): 79 Tote. 22. 4. 97 (Bugara): 93 Tote. 19. 6. 97 (Sidi Antri): 15 Tote. 27. 6. 97 (Zemala): 22 Tote. 8. 7. 97 (Medea): 28 Tote. 12. 7. 97 (Ksar El Boukhari): 44 Personen ermordet und 21 Frauen entführt. 24. 8. 97 (Sidi Musa): 22 ermordet und 29 weitere Menschen nahe Medea. 26. 8. 97 (Ben Ali): 64 Tote bei einem Massenmord. Region Blida 17. 2. 97 (Kerrach): 31 Tote. 23. 7 .97 (Yema Ghita): 39 Enthauptete. 27. 7. 97 (Larbaa): 58 Tote. 31. 7. 97 (Sidi el Madani): 38 Tote. 2. 8. 97 (Blida): mindestens 133 Personen ermordet in vier Dörfern der Regionen von Blida und Ain Defla. 3.8.97 (Amrusa): 27 Tote. 29.8.97 (Rais): circa 300 Tote.