Hat jemand eine Ahnung, auf wie viele unterschiedliche Arten man "sechzig Dollar und fünfzig Cent" sagen kann? Der Mann vor dem Monitor am Stehpult weiß es: auf unendlich viele. Man kann es langsam und gedehnt sprechen, schnell und spritzig, gelangweilt, engagiert, schüchtern, verärgert ...

Hier und jetzt im Synchronstudio der Firma MME in Berlin-Tempelhof an einem Samstag im Juli soll es hervorgestoßen werden und ein bißchen verächtlich klingen, so als sei die genannte Summe ein Kleckerbetrag. Und lippensynchron muß es sein, damit das deutsche "fünfzig" genau in dem Moment einsetzt, in dem der Schauspieler im amerikanischen Original die Unterlippe an die Schneidezähne hebt, um ein heftiges "fifty" auszustoßen. Dann spuckt er aus.

Christian Brückner hat nicht gespuckt. "Ich vermisse diesen Laut", tönt die Stimme der Regisseurin aus dem Regieraum hinter der Glasscheibe. Noch einmal die Szene. Jetzt ist das Spucken zu lang. Also noch einmal gespuckt. Und diesmal paßt es. "Prima, danke." Nächster Take.

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An die 160 Takes kommen heute in den Kasten - gesprochen, geatmet, gestöhnt, geschrien, gespuckt und geschmatzt. Christian Brückner spricht in dieser Aufnahme Jon Voight; bekannt ist seine leise, oft gebrochen klingende Stimme dem deutschen Film- und Fernsehzuschauer jedoch vor allem als die von Warren Beatty, Robert de Niro, Harvey Keitel, Marlon Brando oder Alain Delon.

Irgendwie sind die Herren - diese Stimme! - hier alle mit im Raum. Tatsächlich bedarf es ein wenig der Gewöhnung, den Ton, den man im Ohr hat, dem Dreiundfünfzigjährigen zuzuordnen, der da, mittelgroß, braungebrannt, graue Haare, wache braune Augen, in den Monitor hineinredet - mit ausgeprägten Gesten, denn die Stimme allein tut's ja nicht; die Arme müssen mithelfen, den in der nächsten Szene geforderten Schrei hervorzubringen. Synchronisieren bedeutet, keine Frage, auch harte körperliche Anstrengung, die Berufskleidung ist dementsprechend leger: verwaschene graue Jeans, ein kurzärmeliges Hemd, der Hosengürtel wird erst nach getaner Arbeit wieder eingezogen.

Schauspieler hatte Christian Brückner von Anfang an werden wollen. An der Freien Universität in Berlin schrieb er sich fürs Studium der Theaterwissenschaften, der Germanistik und der Soziologie ein, hoffte naiv, die akademische Lehre werde ihn zum Beruf des Schauspielers führen. Während des Studiums fand er sich dann viel häufiger auf studentischen Bühnen wieder als in den Hörsälen. Und ist schließlich "da so reingerutscht": ein bißchen Theater hier, ein bißchen Synchronisation dort.